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Eigentlich wollte ich nur wissen, was gerade wenige Kilometer von hier entfernt konkret passiert, als ich mich vor zwei Tagen bei Twitter durch den #Heidenau las – und dabei auf einem Profil landete, das mir direkt die Kotze in den Hals trieb. Nach sechs Monaten täglicher Beschäftigung mit den Ergüssen der Pegida-Führungsriege hatte ich mich für abgehärtet gehalten. Das war leichtfertig. Zum ersten Mal meldete ich (erfolglos, nebenbei bemerkt) ein Profil bei Twitter und bei Facebook, wo im Profil auch ein Arbeitgeber vermerkt war: Lidl. Von dem wollte ich nur wissen, wie es ihm mit dem fremdenfeindlichen, menschenverachtenden Gedankengut seiner mutmaßlichen Mitarbeiterin so geht – und trat versehentlich einen Shitstorm los.

 

 

Meine Frage kam vor Angela Merkels Besuch in Heidenau, bei dem sie von „Wir sind das Pack“-schreiendem „Volk“ wüst beschimpft wurde. Sie kam vor der vielbeachteten Aufforderung von Joko und Klaas zum #mundaufmachen. Und eigentlich wollte ich damit nur… ja, was eigentlich? Ein aufrichtiges, glaubhaftes Statement von Lidl gegen Menschenverachtung und für eine Willkommenskultur? Dass man als Unternehmen auch Privatmeinungen seiner möglicherweise sogar Führungskräfte (die Dame ist unbelegten Quellen, nämlich ihrer eigenen Behauptung bei Facebook zufolge, Filialleiterin) verurteilt und anderer Ansicht ist, öffentlich und eindeutig? Ich muss bekloppt gewesen sein, auf so etwas zu hoffen.

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Screenshot meines Twitter-Accounts.

Stattdessen bekam ich zweimal die fast wortgleiche Antwort von Lidl – und ein paar aufgeregte von der Frau, deren öffentliche Äußerungen Anlass all dessen waren. Die sonst gerne anpreist, wo man „Mein Kampf“ kaufen kann, Flüchtlingskinder verhöhnt, den Staat zum Feind erklärt, Pegida unterstützt und Drohungen in den Raum stellt. Diese Frau (oder wer auch immer hinter dem Account steckt) fühlt sich von meiner Nachfrage bei Lidl „politisch verfolgt“ und sieht ihre Meinungsfreiheit in Gefahr – wie der Screenshot links zeigt.

Weiter geht es eigentlich erst am nächsten Tag, als sich das Rap-Magazin „Rap Ist“ meinen Tweet schnappt und #mundaufmachen praktiziert. Viele der über 4700 Follower bei Twitter beteiligen sich, und irgendwo wird dabei der #lidlboykott geboren (Nachtrag 31. August 2015: Gerade hat „Rap ist“ eine Chronik zur Entstehung des Hashtags veröffentlicht, die absolut sehenswert ist!). Die nächsten Twitteruser wenden sich direkt an Lidl, das dortige Social-Media-Team antwortet am Abend noch einigermaßen entspannt.

 

Das ändert sich schnell: Schon am nächsten Morgen antworten sie erstmal gar nicht mehr. Da haben sich aber auch schon etliche Twitteruser dazu entschlossen, sich eineinhalb Tage nach mir direkt an Lidl zu wenden – und auch direkt an die besagte Userin. Innerhalb kürzester Zeit mischt jeder mit, plötzlich ist #lidlboykott Platz 5 in den deutschlandweiten Twittertrends, wenig später Platz 1 – und das bleibt das Thema auch erst einmal. Nur der Ton verändert sich: Erst übertreiben es ein paar aus der Rap-Ecke und mischen ihre Empörung über das halbgare Statement von Lidl mit wüsten Beschimpfungen und Drohungen. Die Fremdenhasserin feiert sich bei der Gelegenheit gleich noch ein bisschen selbst, bevor sie Lidl öffentlich dazu auffordert, seine Mitarbeiter vor „Krimigranten“ zu schützen. Lidl schweigt, während Twitter vor lauter #lidlboykott explodiert und sich die ersten User über den doofen Trend aufregen.

In all dem ständig: mein Username. Ständig bekomme ich Benachrichtungen, weil jemand die Kündigung fordert, ein anderer belehrt, dass das nicht geht, mir mancher fern der Faktenlage vorwirft, ich hätte die Kündigung gefordert. Gefühlt will an diesem Tag jeder in den sozialen Netzwerken jeden ins KZ schicken – man ist sich nur unsicher, ob man es nicht lieber Arbeitslager nennen sollte. (Nachtrag 29. August 2015: Inzwischen behauptet „Melanie Illmann“, diese Grafik sei gefälscht.)

Innerhalb kürzester Zeit ist eine Stimmung entstanden, in der man nicht mehr miteinander reden kann. Dabei ist die Frage meiner Ansicht nach noch immer berechtigt: Ist es möglich, dass Unternehmen, Menschen, Institutionen, Regierungen, wer auch immer sich klar positioniert? Zumindest @melanieillmann kann es ja – können wir anderen es auch? Und können wir es, ohne in die dumpfe Hasssprache und Menschenverachtung zu verfallen, die wir ja eigentlich den jeweils „anderen“ vorwerfen?

Wie und ob überhaupt das in den nächsten Tagen diskutiert wird: Ich bin gespannt. Wird es sein wie bei „Rap Ist“? Oder wie bei „Sputnika“? Wird es verebben? Bei Twitter jedenfalls gucke ich erstmal gar nicht mehr rein: Da haben jetzt, nach fast zwei Tagen, offenbar die Gesinnungsgenossen der filialleitenden Fremdenhasserin vom #lidlboykott mitbekommen – und überziehen mich mit Belehrungen aller Art. Schlimmer ist vermutlich nur, im Lidl-Social-Media-Team an einem Bildschirm zu sitzen – wo man seit heute Nachmittag nur manche der Beschwerden beantwortet, und zwar immer mit demselben Satz: „Lidl distanziert sich von Fremdenfeindlichkeit in jeder Form.“ Die fremdenhassende Filialleiterin hat natürlich auch das kommentiert:

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Die Pressestelle des Unternehmens war nicht ganz so schnell und hat mir auf meine Fragen heute jedenfalls nicht geantwortet. Diese Fragen lauteten:

  • Handelt es sich bei dem bei Twitter veröffentlichten Wortlaut um die offizielle Position von Lidl zu Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass von Mitarbeitern in Deutschland?
  • Was ist die Strategie des Social-Media-Teams von Lidl bei Anfragen wie dieser?
  • Wie geht das Social-Media-Team mit den aktuellen Anfragen von Twitter-Usern um? Offenbar wurde das Beantworten gestern Abend eingestellt. Warum?

An uns alle gerichtet würde ich gerne die Frage anschließen: Ist diese, UNSERE Diskussionskultur die Lösung – oder vielleicht doch eher das Problem?

 

Nachtrag Freitag, 28. August, 14 Uhr:

Lidl hat meine Anfrage inzwischen beantwortet. Der Wortlaut ist identisch mit den Antworten auf Anfragen von SWR3 und Sputnika:

Die Unternehmensgrundsätze von Lidl besagen eindeutig: „Wir respektieren die Vielfalt der Kulturen und erkennen die Verschiedenheit ihrer Werte und Traditionen an.“ 

Lidl distanziert sich in aller Deutlichkeit von Fremdenfeindlichkeit in jedweder Form.

Daher nehmen wir den von Ihnen geschilderten Vorgang sehr ernst und prüfen den Sachverhalt. Sollten sich im Rahmen der Überprüfung Anhaltspunkte für Verstöße gegen unsere Unternehmensgrundsätze ergeben, werden wir entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Gestern Abend, lustigerweise ziemlich exakt ab Sonnenuntergang, nahm der #lidlboykott nochmal Fahrt auf, zumindest in meinem Twitter-Account. Aus der Liste der, vermutlich „kritischen“, Reaktionen @w3b1:

 

Nur zur Erinnerung: Ich habe ein Unternehmen gefragt, wie es sich zu Fremdenhass positioniert. Öffentlich. Mit dem Verweis auf ausschließlich die Informationen, die andere (ob nun unter falschem Namen oder als „Experiment“ mit P.S.) ebenfalls öffentlich preisgeben.

Sind wir wirklich schon wieder so weit, dass das nicht mehr geht?

 

Nachtrag Samstag, 29. August, 10:30 Uhr:

Bei Twitter kommen jetzt lauter Beschwerden von Leuten, die Ruhm und Ehre für den Shitstorm haben wollen. GERNE! Ich habe – kann ich gar nicht oft genug betonen – nur eine Frage gestellt und mit der Verselbstständigung meines Tweets nichts zu tun, ich dokumentiere sie lediglich. Wer also Konfetti werfen und Dankesworte sprechen möchte für eine völlig aus dem Ruder gelaufene Diskussion, wende sich bitte mindestens @bokuwaeru und @Koenig_Magnus.

 

Nachtrag Samstag, 29. August, 14:45 Uhr:

Den in meinen Augen bisher absurdesten Beitrag zur Rekonstruktion von #lidlboykott lieferte schon gestern Abend die Rheinische Post, ich hab ihn gerade erst entdeckt und mit einigem Kopfschütteln gelesen. Zitat: „Eine Bloggerin stößt offenbar auf einen solchen Tweet, während sie bei Twitter nach dem Hashtag #heidenau sucht. Aus einem Grund, der nicht ganz klar ist, nimmt sie an, die Urheberin des ausländerfeinlichen Tweets sei eine Mitarbeiterin von Lidl.“

Hier bedeutet „aus einem Grund, der nicht ganz klar ist“ offenbar „aus einem Grund, den ich gar nicht erst gesucht habe“. Bei Twitter nachlesen, was die Ursprünge waren, hätte ja schon gereicht. Da hätte man „Melanie Illmanns“ ursprüngliche (= aus der Zeit, bevor #lidlboykott bei Twitter trendete) Arbeitgeber-Angabe bei Facebook und meinen Hinweis, dass ich ihre Betriebszugehörigkeit nur vermute, relativ leicht finden können. Auch, dass sie die Angaben zwischenzeitlich geändert hat und das anderen ebenfalls aufgefallen ist. Statt sich nach solchen Informationen umzusehen, bietet die Rheinische Post der Frau mit dem Fremdenhass – die gerne zum eigenen Schutz anonym bleiben möchte – lieber Raum für das hier:

„Es war nie geplant, dass Lidl hier ins Boot kommt“, sagte sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Mich persönlich stört es ziemlich, dass Lidl zu Unrecht und ungeplant in das Experiment geraten ist“, fügt sie hinzu. Sie arbeite nicht bei Lidl, stellte sie noch einmal, wie schon auf dem Facebook-Profil, klar.

Weils so schön ist: Ja, stellt sie klar. Muss echt mein Fehler gewesen sein, da eine Zugehörigkeit zu Lidl zu vermuten.

 

Nachtrag Sonntag, 30. August, 17:30 Uhr:

Die Rheinische Post hat ihren Beitrag überarbeitet und sich per E-Mail bei mir entschuldigt.

 

Nachtrag Montag, 31. August, 15:30 Uhr:

„Rap ist“ hat heute die „echte Chronik“ des #lidlboykott veröffentlicht. Sehr lesenswert, wenn man wissen will, wie es zum Hashtag kam, auf welcher Basis der Shitstorm sich verselbstständigte – und als Impuls für Gedanken darüber, was Diskussionen bei Twitter so wert sind.

Foto: Jay Mantri
w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
w3b1

Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

6 Comments

Hernando Velasquez

Unbeabsichtigt? Dass ich nicht lache!
Sie hätten LIDL ja auch NICHTÖFFENTLICH fragen können.
Jedes Kind weiß, dass Berufs- u. Beschäftigungsangaben bei twitter und Fb meist gefakt bzw. bewusste Witzangaben sind.
Ok, nun haben Sie für 2 Tage „Berühmtheit“ gehabt. Gratuliere!
Viel können Sie sich davon aber bei LIDL und Co. nicht kaufen.

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Der Krokettenkönig

Der nichtöffentliche Teil bestand darin das Profil bei Facebook und Twitter zu melden. Sollte deiner Ansicht nach noch ein Smiley hinter die Anfrage bei @Lidl, damit die deiner Ansicht nach traurige „Berühmtheit“ in Form von Hasskommentaren und sinnloser Artikel in verschiedenen Medien hätte vermieden werden können? Da hat es doch tatsächlich mal jemanden getroffen, der auch noch darüber schreibt und alles dokumentiert. Find ich gut. Das entblößt so wunderbar die Eigendynamik sozialer Medien und digitaler Hetzjagden, die die Autorin nun wirklich nicht zu verantworten hat Ihr hier eine Absicht zu unterstellen halte ich für ziemlich weit her geholt.

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Thomas

„Nur zur Erinnerung: Ich habe ein Unternehmen gefragt, wie es sich zu Fremdenhass positioniert. Öffentlich. Mit dem Verweis auf ausschließlich die Informationen, die andere (ob nun unter falschem Namen oder als „Experiment“ mit P.S.) ebenfalls öffentlich preisgeben.“

Und die Antwort hat halt nicht gepasst und deswegen wird ein Shitstorm losgebrochen….steht sehr im Verhältnis ^^

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