TaucherInnen mit Taschenlampen


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Taschenlampen sind ja wirklich ganz tolle Gegenstände – vor allem, wenn es dunkel ist, was beim Tauchen ausschließlich nachts oder in Höhlen der Fall ist. Bei einem ganz normalen Tauchgang im schönsten Sonnenschein sind sie auch nützlich: Sie helfen mir zuverlässig, den Honk (schlimmstenfalls im Plural) des Tauchgangs schon an Land zu erkennen. Der heutige Tauchgang war eine einzige Beweisführung in dieser Sache. Im Rahmen meiner jährlichen Reihe „Therapeutisches Schreiben im Tauchurlaub“ muss ich euch leider alle Einzelheiten schildern:

Die Rahmenbedingungen sind schnell erzählt: Gozo (die kleine Schwester von Malta); Ende der Saison, also gelangweilte Dive Guides und vor allem ältere Pärchen ohne Kinder; starker Wind, der für eher ungünstige Tauchbedingungen sorgt. Wir latschen also in voller Montur bei 30 Grad einen Felsenhang runter zum Wasser mit der festen Absicht, einfach nur einen unterhaltsamen Tauchgang zu machen. „Wir“ sind in diesem Fall: 

  • ein älteres Pärchen, im folgenden „die Taschenlampen“ genannt,
  • mein Buddy, eine ältere Frau oder auch „die Buddylampe“,
  • der einzige Open Water Taucher, steinalt und nur für Tiefen bis 18 Meter ausgebildet („das Fossil“),
  • ein Instructor, nennen wir ihn mal „Jesus“ (denn das ist sein Name),
  • ein Dive Master Trainee in meinem Alter, kurz „DMT“ und
  • this moi! Bekanntermaßen aus folgenden Gründen am Tauchen interessiert: Schwerelosigkeit, wunderbares Licht unter Wasser und die spannende soziale Situation, die ohne Sprache zu funktionieren hat. I fucking love it!

Der Einstieg ins Wasser ist bei dem Wellengang schwierig, aber ein Segen, weil ich mich auf den paar Metern bergab schon wieder komplett nassgeschwitzt habe. Im Wasser angekommen der übliche Blick: alle da? Ne. Das Fossil hat sein Blei vergessen und tappt gerade in Zeitlupe zurück zum Auto, sucht, sucht, tappt dann noch etwas langsamer zurück und lässt sich ins Wasser fallen. „Did you close the car?“ – „Hä?“. Jesus steigt aus dem Wasser, klettert den Berg rauf, schließt das Auto ab … und exakt 20 Minuten nach dem ersten Wasserkontakt dürfen wir tatsächlich abtauchen. Zu sehen ist: äh, nix. Mittelmeer halt. Braun, unterbrochen von sehr gelegentlichem grün, hier und da ein farbloser Fisch – aber mir ist es egal, denn meine verfickte Maske beschlägt sowieso quasi ständig.

Der DMT scheint von der Hässlichkeit des Tauchplatzes selbst so erschüttert zu sein, dass er permanent etwa fünf Meter über dem Riff taucht. Da man so überhaupt gar nichts sieht, tauchen die Taschenlampen entschlossen drei Meter tiefer – weitere zwei Meter tiefer fährt das Fossil ebenso entschlossen Fahrrad, rasiert mit seinen Flossen das Riff und wirbelt dabei allerhand Sand und Braunzeug auf. Die Buddylampe und ich können also einfach immer der Wolke aus miserabler Sicht folgen. Dicht neben mir schwebt Jesus, und jede Faser seines Körpers sagt: „Warum, Vater, hast du mich verlassen?“ I feel him und blase meine Maske zum 137. Mal aus.

Buddylampe hat sich vorgenommen, unter wirklich jeden Stein zu leuchten. Die Taschenlampen lassen sich davon inspirieren. Ich mache derweil in Schwerelosigkeit Purzelbäume und Schrauben. Hat der DMT tatsächlich mal einen Oktopus ausfindig gemacht, wird er von drei Taschenlampen minutenlang gnadenlos angestrahlt und so für alle Fressfeinde schön sichtbar gemacht. Als das zu langweilig wird, gehts ab zum nächsten Stein… und zum nächsten… und zum nächsten. Der DMT ist derweil nur noch als Säule aus Blubberblasen irgendwo am Ende der Sicht zu erkennen, sämtliche Lämpchen jedoch betrachten aufmerksam Pilzbewuchs unter Steinen in 27 Metern Tiefe. Jetzt ist auch das Fossil neugierig, lässt alle Luft aus seinem Jacket und kracht mit den Flossen zuerst in die Tiefe. Der DMT hängt weiterhin auf 18 Meter, schläft oder verflucht sein Schicksal, ich könnte beides verstehen. Jesus fängt wie wild an, mit den Händen zu gestikulieren, lässt sich dann routiniert nach unten gleiten, holt sich das Fossil am Tank wieder auf die für ihn zulässige Tiefe und verschwindet mit ihm Richtung Land.

Und die Taschenlampen? Liegen zu dritt bäuchlings im Sand und lichtern quer durchs Meer. Sie würden da vermutlich noch immer liegen, hätte der DMT nicht eingegriffen – Mr. Taschenlampe brauchte tatsächlich ein Klopf-Klopf auf die Maske, um überhaupt wieder am Leben teilzunehmen, und empörte sich nach dem Tauchgang wie ein Brüllaffe darüber. 

Und ich? Habe den Tauchgang vor allem dazu genutzt, ganz alleine über einen Oktopus zu schmunzeln, der sich wie ein Irrer an einer Pflanze festklammerte und mit ihr im Wellengang hin- und herschaukelte, mit ihm gemeinsam „Mir is so schläääächt“ zu blubbeln, dabei nicht durch den Atemregler zu kotzen und das Problem mit meiner Maske zu lösen. Ach, und am Ende des Tauchgangs den Bleigurt zu bergen, den einer der Lampenfraktion beim Auftauchen einfach abgeworfen hatte – das macht man ja bekanntermaßen so, BEI EINEM NOTAUFSTIEG, IHR GURKEN!

Wie dem auch sei: Heute wird nicht mehr getaucht, und morgen bitte ohne künstliche Beleuchtung jeder Art. Danke.

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