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Was sind das für Leute, die Dresden in Verruf bringen? Das wird ja nicht erst seit den misslungenen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit im ganzen Land gefragt. Was ist also das Problem – dieser Stadt, dieser Zeit? Die Antwort ist simpel und schmerzhaft: Das bin ich.

Ich bin eine von den 500.000, die am Montag nicht zu Pegida gehen – und längst nicht mehr zur Gegendemo. Montags gehe ich nicht mal in die Stadt, weil ich keine Lust auf die hasserfüllten Fressen habe. Ich fahre auch nicht durch die Stadt, weil alles unerträglich viel länger dauert – Demo, Polizei, umgeleitete Straßenbahnen, verstopfte Straßen, nervt.

Während wenige Kilometer weiter Menschen alles brüllen, was ihnen in den Sinn kommt oder was ein anderer gerade vorgebrüllt hat (und das dann Meinungsfreiheit nennen) und so Angela Merkel, Politiker überhaupt, Journalisten, Muslime, Flüchtlinge einfach „weg“ haben (und wohl auch machen) wollen, was mache ich da? Ich ziehe vermutlich gerade meiner vier Monate alten Tochter einen Schlafanzug an, nachdem ich sie massiert habe, lege sie ins Bett und mache Urwaldgeräusche an, kuschle mich an sie und stille sie, bis sie einschläft. Dann mache ich mir erschöpft von einem (All-)Tag aus Wickeln, Füttern, Terminen, Einkaufen, Wäsche waschen, mit dem Kind ums Einschlafen Kämpfen und und und etwas zu essen oder habe Glück und der Mann kocht. Vor dem Fernseher werde ich fast oder ganz einschlafen, mich auf Twitter darüber amüsieren, dass ernsthaft mindestens 40 Prozent der Amerikaner einen Mann zum Präsidenten wählen werden, der unkontrolliert Hassattacken ins Netz furzt. Auf Zehenspitzen werde ich noch einmal vorsichtig kontrollieren, ob meine Tochter auch wirklich noch atmet – und dann für spektakuläre eineinhalb Stunden in einen todesähnlichen Schlaf fallen. Da ist die Pegida-Demo gerade vorbei und die Stadt noch immer voller Polizei.

Für einige in und viele außerhalb Dresdens macht mich das zum Problem dieser Stadt, zur schweigenden Mehrheit. Ich überlasse den Bachmannen (und – frauen!) montags die Straße, statt ihnen zu widersprechen. Beim Bürgerfest gegen Pegida am vergangenen Montag – und damit einen Tag nach dem vorverlegten Pegida-Geburtstag – durfte ich mir dafür aus einer weiteren Gegendemo „Wo, wo, wo wart ihr gestern?“-Rufe anhören. Die Bevölkerung außerhalb Dresdens empört sich ohnehin dauerhaft über meine mangelnde Gegenwehr.

Ich bin das Problem, weil ich längst keine Lust mehr habe. Ich habe keine Lust mehr darauf, ständig von allen Seiten angezählt zu werden – selbst dann, wenn ich Gesicht zeige. Vor allem habe ich aber keine Lust mehr, dieser Bürgerbewegung das zu geben, wovon sie lebt: Aufmerksamkeit.

Ich möchte auch kein Teil des Wettrüstens sein – wie viele waren bei Pegida, wie viele haben dagegen demonstriert? Zahlen werden geschönt, nicht geglaubt, Quellen verspottet und wieder von vorne. Dabei kommen beide Gruppen zusammen auf deutlich weniger Köpfe, als es in Deutschland beispielsweise Menschen mit multipler Sklerose gibt – die Aufmerksamkeit allerdings haben die Wenigen mit ihren vielen Hassphrasen.

Nein, es geht mir nicht darum, Fremden- und Islamfeindlichkeit zu ignorieren. Nur: Gewinnbringender investiert wäre die Aufmerksamkeit in meinen Augen bei den Vielen mit den wenigen Hassphrasen. Bei alten Omis, die einem erzählen, sie seien gestern beim Augenarzt gewesen „und die Ausländerkinder im Wartezimmer da, die durften ALLES“ – oder dass man den Kinderwagen nicht unbeaufsichtigt stehen lassen solle, weil „hier so viele Zigeuner rumlaufen“.

Das Problem mit dem Alltagsrassismus ist nämlich: Er ist immer da, nicht nur montags. Und er ist überall. Nicht nur in Dresden. Unwidersprochen. Oft genug auch von mir.

Gezeichnet: das Problem.

Ich grüße all die anderen Probleme da draußen und frage alle, die sich für die Lösung halten: sicher?

w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.