Ganz normal

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Gestern war die schlimmste Nacht meines Lebens. Und das sage ich, obwohl es eine Nacht in meinem Leben gab, in der mich ein Irrer auf einer winzigen thailändischen Insel bewusstlos gewürgt hat. Die gestrige Nacht war schlimmer – auch, weil sie wie über Nacht Normalität geworden ist.

18:30 Uhr. Das Kind schreit und reibt sich die roten Augen. Da die vergangenen Nächte die Hölle waren (mit maximal 50 Minuten Schlaf am Stück für mich), bin ich froh, dass wir das Tauziehen um das Einschlafen endlich beginnen können. Erwartungsgemäß dauert das eine Stunde: Waschen, Schlafanzug über das zappelnd und brüllend protestierende Kind ziehen, stillen, dabei angeschrien werden, weiter stillen, dabei weiter angeschrien werden.

19:30 Uhr. Das Kind stöhnt und wirft den Kopf von links nach rechts nach links. Das heißt: Es schläft jetzt ein und geht sicher, dass es sich – falls noch vorhanden – den Nucki aus dem Schnabel feuert. Mit den Händen kann sie das nicht mehr, denn: Sie steckt im Pucksack. Ohne Pucksack würde der Zappel nie einschlafen, sondern sich stundenlang die Hand auf die Nase hauen und dann heulen (Erfahrungswert!).

21:00 Uhr. Ich gehe völlig fertig ins Bett – und hoffe auf eine Chance, das Schlafdefizit der vergangenen Tage, ach, Wochen (MONATE!) aufzuholen.

22:50 Uhr. Das Kind mault. Ich leg es an die Brust, es trinkt zügig und wie in Trance, wirft danach den Kopf zur Seite und schläft weiter.

1:37 Uhr. Das Kind brüllt von jetzt auf gleich in maximaler Lautstärke. Aus dem Schlaf gerissen schaffe ich es, verwirrt den Pucksack zu öffnen, bevor die nächste Eskalationsstufe (Tränen und alles eine Oktave höher) beginnt. Sie reißt die Arme nach oben und bleibt ruhig liegen. So kann ich sie stillen, und sie schläft zu Urwaldgeräuschen aus dem Telefon neben ihrem Kopf wieder ein, während sie mich an den Haaren zieht.

3:00 Uhr. Das Kind zappelt und quengelt wie verrückt. Seit gestern hat sie ihr erstes Emotionsgeräusch drauf, ein „Äh-äh“, als würde sie Nein sagen wollen – sie macht es pausenlos. Äh-äh. Äh-äh. ÄH-ÄH! Mir fallen ständig die Augen zu, aber das Äh-äh wird nachdrücklicher. Ich versuche, sie zu stillen – es klappt nicht, sie ist zu zappelig. Ich versuche, sie in den Pucksack zu stecken – sie fängt an zu schreien. Ich versuche, sie zu beruhigen, damit der Mann nicht wach wird, der auch unter den vergangenen Nächten gelitten hat – sie dreht voll auf. Sie tritt und schlägt mich beim Kuscheln, sie kneift und kratzt mich beim Stillen. Wenn ich sie trage, weint sie. Wenn ich sie hinlege, schreit sie. Mein Kiefer ist starr zusammengepresst. Ich vertraue mir langsam nicht mehr, wenn ich sie auf dem Arm trage, so wütend bin ich – am liebsten würde ich sie fallen lassen, hinschmeißen, wegrennen.

4:30 Uhr. Ich bringe dem Mann das Kind. Soweit ich mich erinnern kann, mit tränenerstickter Stimme und einem „Ich kann nicht mehr.“ Auf der Toilette habe ich – wie immer seit Tagen – fiese Schmerzen beim Pinkeln. Sie erinnern mich an die Geburtsschmerzen, wenn das Gewebe reißt. Ich ertappe mich zum ersten Mal seit der Geburt bei dem Gedanken: Vielleicht war es ein Fehler, ein Kind zu bekommen? Ich hasse mich dafür. Beim Händewaschen sehe ich mich im Spiegel: Ein Körper, der nicht mehr meiner ist, sondern eine Milchbar mit schweren, großen Brüsten, die über einem schlaffen Bauch hängen. Alles an mir ist breiter, auch mein Scheitel. Mit dem Handrücken fege ich mir ausgefallene Haare von den Schultern. Ich hasse diesen Körper so sehr, dass ich wie ein Teenager angefangen habe, ihn zu verletzen. Vielleicht war es wirklich ein Fehler, ein Kind zu bekommen.

5:15 Uhr. „Ich kann nicht mehr!“ höre ich den Mann fluchen. Ich gehe ihm entgegen und nehme ihm das schreiende Kind ab. Lege es an die Brust, wo es weinend und zappelnd ein wenig trinkt. Hurra, es wird ruhiger! Vielleicht können wir ja jetzt alle noch ein wenig… pfffffrrrt. Was klingt wie eine sehr laute, sehr schnelle Kaffeemaschine ist mein Kind, das sich die Windel vollgeschissen hat. Sofort beginnt sie, mich mit Quengeln darauf aufmerksam zu machen und sich auf den Fersen abgestützt nach oben zu schieben, als ob sie sofort aus der Windel rausmüsse. Im Halbdunkel trage ich sie zur Wickelkommode und lege sie wieder trocken. Zurück im Bett versuche ich, sie an mich gekuschelt in den Schlaf zu streicheln – sie quittiert den Versuch mit Schlägen und Schreien. Den Nucki spuckt sie ebenso aus wie die Brust und schreit und schreit und schreit und schreit…

5:40 Uhr. Ich schreie „HALT ENDLICH DIE FRESSE!!!!“ Die Tür geht auf, der Mann kommt rein und holt das Kind. Ich liege in Fötusstellung im Bett und bin zu schwach zum Weinen. Ich schäme mich, aber auch das nur leicht, weil mir selbst dafür die Kraft fehlt. Vor allem fühle ich mich wie betäubt, kann mich nicht mehr rühren und frage mich: Wie lange kann ich so leben?

6:15 Uhr. „Das bringt alles nichts“ sagt der Mann. Er steht mit hängenden Schultern an der Wiege, in der er unser schreiendes Kind schaukelt. Ich nehme das Kind auf den Arm, bringe sie zum Bett, mache resigniert sämtliches Licht im Zimmer an und lege mich neben sie – wir müssen reden, mindestens mit Blicken. Für ein paar Minuten sieht es aus, als wäre es genau das gewesen, was sie will. Sie fasst mit jeder Hand einen Fuß und kullert herum, lacht mich an, plappert. Ich darf sie ohne Gegenwehr streicheln und küssen. Dann sieht sie mich lange und ernst an – und schreit ganz plötzlich wie ein Feueralarm. Ich dimme schnell das Licht, lege sie an die Brust, starte auf dem Handy hastig „90 min. womb sounds“ bei Youtube und habe fest vor, sie an der Brust einschlafen zu lassen. Doch sie schreit weiter. Ich halte sie in meinem Arm und lasse sie schreien, während mir die Tränen über das Gesicht laufen. Den Mann schicke ich wieder weg, als er helfen will – es hilft ja doch nichts.

7:00 Uhr. Das Schreien wird ein Stöhnen und dann ein schweres Atmen. Sie schläft ein. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, und lasse deshalb die Mutterleibsgeräusche einfach weiter aus dem Handy rauschen. So schlafe auch ich ein.

9:00 Uhr. Das Kind öffnet langsam die Augen – und strahlt mich an.

Ein neuer Tag beginnt – einer, an dem ich sie wieder füttern und wickeln, streicheln und küssen, anschreien und in Gedanken gegen die Wand klatschen werde. Sie wird mir Haare ausreißen, während sie in ihrer Fantasiesprache ein fröhliches Gespräch mit mir führt, sich lachend in die frische Windel kacken, ihrem Vater den Bart kraulen und dann plötzlich kratzen. Sie wird auf dem Weg in den Supermarkt im Maxi Cosi auf der Rückbank weinen, bis es ein wütendes Blubbern wird, das ein tränenerstickter Hicks wird, der in ein Gähnen und dann in ein Schnorcheln übergeht. Im Supermarkt wird sie mich aus der Trage heraus anstrahlen, bis man beide Grübchen sieht, wird mit Fremden flirten und mit großen blauen Augen und offenem Mund im Vorbeigehen die Regale bestaunen.

Und sie wird Schreien. So sehr, dass ich wieder fürchte, sie hat etwas Schlimmes. Dass ich mehrfach Fieber messe, aber immer 36,9 oder 37,0 angezeigt bekomme. Dass ich google und mit Freunden debattiere, ob es mit drei Monaten schon das Zahnen sein kann. Dass ich Beikost kaufe, weil die Oma sagt „Fütter‘ mal was zu, die ist so weit“ und den Plan dann doch verwerfe, um nicht auch noch die Verdauung verrückt zu machen. Dass ich mich hinsetze und ihren Mittagsschlaf nutze, um die Geschichte meiner vergangenen Nacht aufzuschreiben, obwohl sie wirklich kein gutes Licht auf mich wirft – und zwar im vollen Bewusstsein, dass mancher mit dem Kopf schütteln, mich belehren, verurteilen, belächeln, beschimpfen und „Das ist doch nicht normal!“ sagen wird.

Ein Lehrer, der mich sehr geprägt hat, ließ jeden seiner Englischschüler für die Antwort „That’s normal!“ einen Aufsatz darüber schreiben, was denn dieses normal bitte sein soll. Denn: Nichts ist normal – oder eben alles. Und wenn es um Kinder geht, hätte ich persönlich gerne vorher ganz konkret gewusst, wie diese vielfältige Normalität eigentlich aussehen kann. Und genau die, meine Normalität, habe ich hier für all diejenigen festgehalten, denen romantische Vorstellungen vom Pampers-Baby vorschweben.

Foto: Joel Campbell / lifeofpix.com
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Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.

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2 Kommentare

  1. Hallo Du Geplagte! Durch eine Freundin (vom Sport neulich im Fitness First) bin ich auf Deinen Artikel gestoßen und möchte Dich digital einfach mal in den Arm nehmen und Dich drücken. Ich kann jedes einzelne Wort von Eurer Scheißnacht nachfühlen und es wühlt mich sehr auf zu sehen wie sehr Du leidest. Meine Tochter ist „schon“ 21 Monate und dadurch hat man gewisse Tiefen und Höhen schon durch. Und ich möchte Dir einfach sagen, solche Scheißphasen kommen vor (auch wenn viele nicht drüber reden) und auch diese krassen Gedanken, dass man denkt warum wollte ich unbedingt ein Kind und warum hat mir das verflucht nochmal keiner gesagt, hat garantiert jede Mutter schon mal gedacht (wenn auch nicht direkt ausgeprochen). Lass Dich nicht blenden von den Latte Macchiato Moms, deren Kinder mit einem Tag durchschlafen und die ja niiiiiiie Probleme machen. Die gibts nur im Märchen oder die haben einfach nur Glück (und es sagt auch nichts aus über die eigenen Qualitäten oder dass man sein „Kind nicht im Griff hat“ und so einen Pfeffer)
    Mir jedenfalls kommt das alles sehr bekannt vor, gerade mit der Stillerei (die wir immer noch praktizieren). Du bist ja bestimmt informiert über diese Entwicklungsschübe (Buch „Oh je ich wachse“) Unsere hat dabei gelitten wie ein Hund und wir hatten schübeweise extrem bescheidene Nächte. Auch und vorallem in den jungen Wochen. Meist konnte sie danach was neues bzw. wird die Wahrnehmung der Kleinen immer geschärfter und sie verarbeiten dann nachts das Geschehene. Die gute Nachricht ist, dass es besser wird und das ist nicht nur dahin gesagt. Du wirst mit der Zeit gelassener werden, auch wenn das an so einem Tag wie ein schlechter Scherz klingt, aber glaub mir Du wirst Dein Kind an manchen Tagen vor Liebe auffressen wollen. Und dann wieder bei Ebay verkaufen wollen 😛 Geholfen hat mir die Akzeptanz, dass ich z.B. nicht mit Biegen und Brechen den Schlaf herbeiführen kann. Manchmal hilft nur die Situation verändern, z.B. rausgehen, auch wenns nachts ist oder Tragetuch oder Baby mit ins Bett nehmen. Jeder entwickelt da seine Rezepte. Und wenn die Zähne kommen, dann gibts wieder andere Sachen die helfen. Uns haben nur Zäpfchen, also Schmerzmittel geholfen. Das wichtigste ist, nicht alleine zu sein bzw. das alleine schaffen zu wollen. Mann, Oma, Opa, eventuell Babysitter können auch mal ihr Glück versuchen. Kein Mensch erwartet, dass eine Baby-24-Stunden-Betreuung total glückselig macht!!!

    Ums nochmal anzuschließen, Du bist weder unnormal, verrückt oder sonst was. Sondern eine frisch gebackene Mutti, die sich ihre Gedanken macht und die versucht ihr Kind zu verstehen und die einfach diese Nacht scheiße wenig geschlafen hat.

    Ich drücke Dich unbekannterweise.
    LG Katrin

    • Liebe Katrin, vielen Dank für deine lieben Worte! Mich beruhigt sehr, dass auch andere ihren Kindern gegenüber nicht immer die perfekten Eltern geben (können). Heute war und ist es zum Glück schon viel besser, und ohne diese Nacht wäre das nicht so einfach gegangen – denn jetzt habe ich sie als Erfahrungswert mit im Gepäck. Und viele lieben Worte und gute Tipps auch! Bis bald also (im Fitness First?), hoffentlich halbwegs ausgeschlafen und fit! Alles Liebe, Eva

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