Share Button

Liebe Außenwelt,

Wir müssen reden. So kann es nicht weitergehen. Ich weiß nicht, wer dir die Information gegeben hat, dass ich meine Selbstbestimmung und Teile meiner Persönlichkeitsrechte nach der Geburt im Krankenhaus vergessen hätte, aber: Diese Information ist falsch.

Seit der Geburt meiner Tochter (ja, sie kam dann doch irgendwann auf die Welt und nein, dazu werde ich mich nicht detaillierter äußern, da mit „Gebirge kacken“ schon alles gesagt war), liebe Außenwelt, sehen wir uns zugegebenermaßen wenig. *Hier bitte beliebiges Elternklischee über Schlaflosigkeit, Windelnwechseln und/oder permanente Raubtierfütterung als Begründung einsetzen* Wenn wir uns dann sehen, denke ich mir allerdings oft: Lass mal weniger sehen. Du gehst mir nämlich auf die Nerven. Womit, fragst du dich? Hier die Spitze der aktuellen Charts:

  • Platz 3: Öffentliche Verkehrsmittel. Können vor allen Dingen: bei 33 Grad Außentemperatur ganze Linien ausfallen lassen, ohne darüber zu informieren; für regelmäßigen Kontakt zu Chrystal-Meth-Opfern sorgen; einem alte Leute unterjubeln, die in der leeren Bahn den einzigen Platz wegschnappen, von dem aus man den Kinderwagen halten und einsehen kann – und das wohlgemerkt, während ich nur kurz aufspringe, um dem Zwerg den Schnuller wieder in den Mund zu schubsen. Falls jemand ein familientaugliches Auto für lau loswerden möchte: Ich bin bereit!
  • Platz 2: Komplimente für den Kinderwagen. Ja, seeeehr schöner Kinderwagen, wow, so schön retro, sowas bauen die ja heute nicht mehr (?!), Hammer! Bitte eigenständig im Internet raussuchen und bei Interesse kaufen. Aber, liebe Außenwelt, HÖR BLOSS AUF, den Wagen anzufassen und mich über die technischen Details auszufragen.
  • Platz 1: Ungebetene Ratschläge – 127 Mal dabei, bitte nicht wiederwählen! Die Klugscheißerei während der Schwangerschaft war im Vergleich zu dem, was mir jetzt entgegenschlägt, ein Traum von einem Witz. Insbesondere Menschen mit erwachsenen Kindern fühlen sich beim Anblick des winzigen Gnömchens dazu bemüßigt, ihre verblassten Erfahrungen mit mir zu teilen und mir gerne auch direkt das Leben ihres Nachwuchses von der Geburt bis zum heutigen Tag nachzuerzählen. Und nein, dafür müssen wir uns nicht mal kennen, da reicht eine kurze Begegnung an der Bushaltestelle. Wie wertvoll die Ratschläge sind, merkt man spätestens dann, wenn man sie nebeneinanderlegt: „Stillen Sie? Was Besseres können Sie gar nicht machen!“ vs. „Du musst mit dem Stillen aufhören, dein Kind bekommt ja deine ganzen Sorgen und deinen Stress direkt mit“. „Ist das nicht zu warm?“ vs. „Zieh dem Kind mal lieber noch was an!“. „Kein Wunder, dass das so schreit, dem fehlt Unterhaltung“ vs. „Kein Wunder, dass das so schreit, das Kind ist ja völlig überreizt“. „Probier es mal mit Fencheltee, der beruhigt“ vs. „Stillkinder sollten auf keinen Fall etwas anderes als Muttermilch bekommen, da darfst du nicht zufüttern“. Schön ist auch die klassische Reaktion, wenn man von den eigenen Erfahrungen mit dem Neugeborenen erzählt: „Ach, das kenn ich, das war bei uns *bitte beliebiges Blubb einsetzen* – und besonders überrascht hat mich die (mehrfach wiederholte) Abwandlung „Zieh dir mal was an!“.

 

Liebe Außenwelt, ich weiß: Meine Tochter ist nicht das erste Baby, das zur Welt kommt – aber sie ist MEIN erstes Baby, und genau das möchte ich erleben und genießen, wann immer es geht. Aufgewärmtes von anderen Kindern ist mir komplett wurscht – außer, ich frage dich um deinen Tipp, deinen Rat, deine Erfahrungen. Tue ich das nicht, freue ich mich sehr über dein Angebot, zu helfen – solange ich es auch ungestraft ausschlagen darf. Eine besondere Freude machst du mir, wenn du mir selbstreflexive Menschen vorbeischickst, zu erkennen zum Beispiel an Sätzen wie: „Habt ihr mal Fencheltee prob… Oh Gott, das tut mir leid! Ihr werdet sicher genug vollgetextet gerade. Vergiss, was ich gesagt habe.“

Und jetzt, liebe Außenwelt, begebe ich mich wieder zu meinem Kind, das fern von dir friedlich schläft und dabei lächelt. Das werde ich mir ansehen und diesen Moment so gut ich kann in meiner Erinnerung konservieren, damit ich bei der nächsten unschönen Begegnung mit dir etwas zur Stärkung dabei habe. Eingeschlafen ist sie übrigens, nachdem ich einen fiesen Schreikrampf einfach weggeföhnt habe – das Kind lässt sich nämlich von nichts so gut beruhigen wie von einem Fön, der ihr warm gegen Beine und Bauch pustet, und manchmal hält sie sogar ihre kleine Schmalzlocke in den Wind. Festgestellt habe ich das übrigens ganz ratlos in der vergangenen Nacht, als ich nach zwei Stunden Fliegergriff, Bauchmassage, Wiegen einfach mal aus Neugier den Fön angeschaltet habe. Der lag noch vom letzten Baden rum, denn ja, der Zwerg hat so viele Haare (du wirst ja nicht müde, das immer wieder anzumerken, liebe Außenwelt), dass man nach dem Baden föhnen muss. Erkenntnis des Tages ist demzufolge: Heiße Luft hilft – aber nicht im übertragenen Sinn.

Eine Bitte habe ich, liebe Außenwelt: Geh dazwischen, sollte ich jemals ungefragt etwas sagen wie „Habt ihr es mal mit dem Fön versucht? Das hilft gegen das Geschrei!“

Foto: Rosel Eckstein  / pixelio.de
w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.