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Seit ich das erste Mal überhaupt von Nazideutschland gehört habe, plagt mich die Frage: Wie hat sich das angefühlt, etwa 1930 in Deutschland? Welche Vorboten des Schreckens haben die Menschen übersehen oder bewusst ausgeblendet? Und: Wie haben sie das gemacht?

Mit der einzigen Oma, die ich noch hatte, habe ich darüber nie gesprochen. Am Tag nach ihrem Tod wurde ich 13, bis dahin hatten uns andere Themen beschäftigt. Mensch-ärgere-dich-nicht zum Beispiel, oder ob mein kleiner Bruder endlich mal aufhören könnte zu flennen. Andere Menschen, die rein altersmäßig aus dieser Zeit berichten könnten – und erst Recht Geschichtslehrer! – entpuppten sich in den folgenden Jahren als untaugliche Quellen für die Antworten, die ich suchte. Sie taten alle so, als hätte es kein zwischenmenschliches Miteinander, keine Rechtssprechung, keine Streitigkeiten, kurz: keinen Alltag in der aufkeimenden Nazidiktatur gegeben. Und um ehrlich zu sein: Irgendwann habe ich aufgehört, zu fragen, und mich einfach nur noch gewundert. Um noch ehrlicher zu sein: auch, weil ich dachte, dass sich unsere Gesellschaft immer nur weiterentwickelt, verbessert, und dass der freiheitliche Grundgedanke in Deutschland jetzt einfach gesetzt ist. Punkt.

Punkt. Komma. Klar. Nicht erst in den vergangenen Tagen, aber in diesen besonders deutlich und schmerzhaft, bekomme ich zu spüren, wie das wohl etwa 1930 in Deutschland gewesen sein muss. Hier die vier Eckpunkte, die mich gedanklich den Koffer und ein schönes Land zum Einwandern suchen lassen:

  • Als der österreichische Kanzler Werner Faymann zurücktritt, diskutiere ich – hochschwanger – mit einer lieben Freundin in Wien darüber. Sie hat drei Kinder, bekommt demnächst das vierte und kennt damit garantiert das Problem, das mich aktuell plagt. „Ich habe große Angst, dass ich meiner Tochter in zehn Jahren erklären muss, was ein freies Europa war“, sage ich. Sie antwortet: „So lange wirst du darauf nicht warten müssen.“ Finden wir uns alle gerade damit ab, dass es so ist?

 

  • Montag ist in Dresden bekanntlich und traurigerweise Pegida-Tag. Weil ich Gegendemos als fruchtlos und gefährlich erlebt habe, lasse ich sie längst – auch und gerade dann, wenn am Pfingstmontag Pegida-Kreisch-Trommelfeuer Tatjana Festerling die „Festung Europa“ beschwört. Die üblichen Frustrationen verpasst man dank Twitter ja doch nicht, wie etwa die Frage: Warum lässt die sächsische Polizei für Pegida und pegidanahe Demonstrationen andere Regeln gelten als für den Rest (siehe Foto)?
Womit "besorgte Bürger" in Dresden so zur Demo dürfen.

Womit „besorgte Bürger“ in Dresden so zur Demo dürfen.

 

  • Das Landgericht Hamburg erlässt eine einstweilige Verfügung gegen Jan Böhmermann – er darf Teile seines „Schmähgedichtes“ gegen den türkischen Präsidenten Erdogan nicht mehr wiedergeben. Dafür wurde der Text aus seinem Rahmen innerhalb der ZDF-Show „Neo Magazin Royale“ und in Einzelteile gerissen – und so seiner eigentlichen Botschaft beraubt. Spiegel Online zitiert Erdogans Anwalt Michael-Hubertus von Sprenger mit den Worten: „Ich bin sehr beglückt über die gute Rechtsprechung in Deutschland.“ Ich übergebe mich beim Lesen fast vor Abscheu, denn: Dieses „Gefällt mir“ kommt aus einer Richtung, aus der Lob wirklich nichts Gutes (im Sinne des oben erwähnten freiheitlichen Grundgedankens) bedeutet. Unzählige in der Türkei inhaftierte Journalisten würden das sicher gerne bestätigen, wenn sie nur könnten.

 

  • Am Landgericht Dresden erlässt ein Einzelrichter, der in der sächsischen AfD aktiv ist, ebenfalls eine einstweilige Verfügung, und zwar gegen den Politikwissenschaftler Steffen Kailitz. Kailitz ist Extremismusforscher am Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden, beschäftigt sich seit Jahren mit der NPD und ist Sachverständiger im laufenden NPD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Was er dort sagte, veröffentlichte er unlängst auch bei ZEIT online. Gewissermaßen übersetzt er in diesem Beitrag originale Dokumente und Äußerungen der NPD für normalsterbliche Nicht-Nationalisten wie mich. Das klingt dann für in der AfD organisierte Richter offenbar verbotswürdig, wie die Süddeutsche Zeitung es zusammenfasst: „Dieser Richter hat dem Wissenschaftler nun ‚wegen Dringlichkeit ohne mündliche Verhandlung‘ durch Beschluss vom 10. Mai verboten, weiterhin zu verbreiten, dass die NPD ‚rassistisch motivierte Staatsverbrechen‘ plane und ‚acht bis elf Millionen Menschen aus Deutschland vertreiben‘ wolle, ‚darunter mehrere Millionen deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund‘. Im Falle der Zuwiderhandlung droht der Richter dem Politologen ‚Ordnungsgeld bis zu 250 000 Euro ersatzweise Ordnungshaft bis zu sechs Monaten‘ an, ‚oder sofortige Ordnungshaft, im Wiederholungsfall bis zu zwei Jahren‘. Mit anderen Worten: Ein einzelner Richter mit politischen Ambitionen hat einem Wissenschaftler a) den Mund, b) den Job und c) seine Sachverständigen-Tätigkeit für das Bundesverfassungsgericht – Wächter über die Grundlage unserer Freiheit und Demokratie – verboten. Dafür darf der Wissenschaftler die Prozesskosten tragen.

Man muss sich nicht länger fragen, wie es vor dem Zweiten Weltkrieg zur schrittweisen Verstümmelung der Freiheit kam. Man kann aktuell jeden Tag dabei zusehen, wie Journalisten und Wissenschaftler, Mütter und Väter, zum Schweigen gebracht werden. Wie sich viele von ihnen, wie wir uns ins Private zurückziehen, weil die Hässlichkeit einer degenerierenden Demokratie nicht mehr zu ertragen ist. Und wie derweil „besorgte Bürger“ mit an Waffen befestigten Flaggen durch die Straßen ziehen, geduldet von Polizisten, die entweder gerne mitlaufen würden – oder zu große Angst haben, sich gegen den Wahnsinn zu stellen.

Foto: Igor Trepeshchenok / barnimages.com

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Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
w3b1

Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

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