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Mit 24 Stunden Abstand und nach dem ausgiebigen Besuch einer menschenleeren Saunalandschaft mit Eiswürfel spuckendem Pinguin (ja, das ist eine dringende Empfehlung!) bin ich wieder ruhig genug, um mal laut die Welt zu fragen: Was zum Geier machen die meisten Frauenärzte eigentlich beruflich? Ich tippe auf: eine Weiterbildung zum Rechtsanwalt in eigener Sache.

Das Phänomen ist mir erstmals beim CTG begegnet, als Herztöne und Wehentätigkeit aufgezeichnet wurden. Mein Zwerg kickte zuverlässig und zu meinem größten Stolz gegen die auf den Bauch geschnallten Geräte, ist also schon jetzt gegen den Überwachungsstaat aktiv. Nach etwa 30 Minuten, die ich gebannt auf den Kurvenverlauf starrte und über mein Kind schmunzelte, kam die Arzthelferin rein und riss das Blatt Papier vom Gerät. Zurück blieb etwa ein Zentimeter mit Kurven auf Papier, was sie sofort aufgeregt kommentierte: „Oh, na, das müssen wir unbedingt ankleben. Für den Anwalt.“

Für den Anwalt? Obwohl ich gedanklich noch tief im Fruchtwasser abgetaucht war, muss ich diese Frage wohl auch gemurmelt haben. Sie wurde beantwortet mit einem: „… wenn was passiert, dann wirft man uns sonst vor, wir hätten den unangenehmen Teil einfach abgeschnitten.“

Was war diesem Praxisteam, das ich immer als so großartig erlebt habe, schon passiert? Und: Welcher Arzt würde einen unangenehmen CTG-Teil einfach abschneiden (lassen)? Wie naiv bin ich eigentlich, so generell? Ich schob all das beiseite und watschelte nach Hause. Erst gestern musste ich wieder daran denken – unter völlig anderen Vorzeichen.

Im Schwangerschafts-Endspurt darf ich nun einmal pro Woche zum CTG – auch dann, wenn meine Frauenärztin widerwillig Urlaub macht, „es ist ja so viel im Garten zu tun“. Also schickte man mich zum Vertretungsarzt – in die elitäre Schicki-Micki-Praxis mit ebenso elitärer Schicki-Micki-Arzthelferin. Die begrüßte mich mit den Worten „Ich kenne sie ja nicht, aber sie sehen seeehr schwanger aus“. Die restliche Zeit fragte sie meine Beschwerden ab. „Gehts Ihnen gut?“ – „Nein, seit gestern nicht mehr.“ – „Was haben Sie denn?“ – „Wasser in den Beinen und Händen…“ – „Na, das ist aber ja wohl normal!“ – „… Übelkeit und Appetitlosigkeit…“ – „Ihr Blutdruck ist etwas hoch, sehe ich gerade. Naja, da schreiben wir jetzt mal ein CTG und sehen dann weiter.“

Wehe

So… sehen… Wehen aus, so sehen Wehen aus…

Auf dem CTG hatte ich meine erste, sichtbare, nicht wegdiskutierbare Wehe. Parallel ergab der Urintest Eiweiß im Urin. Was als nächstes passierte? Die Arzthelferin holte sich von mir die Erlaubnis ein, ihre Notizen in meinem Mutterpass zu kopieren, ließ sich meinen Besuch bei ihnen mit einer Unterschrift bestätigen und entließ mich mit den Worten: „Wenn es Ihnen schlechter geht, Sie zum Beispiel Oberbauchschmerzen bekommen, gehen Sie bitte ins Krankenhaus.“

Als ich zuhause ankam, war ich körperlich völlig am Ende: komisches Zwicken im Beckenboden, absolute Entkräftung, Blutdruck inzwischen bei über 150 zu hab ich vergessen. Der Blick in den Mutterpass trieb mir dann aber nur die Tränen der Verzweiflung in die Augen: „Hellp Anzeichen erläutert“ steht da. Sie hat es getan. Sie hat sich juristisch abgesichert, falls ich das HELLP-Syndrom haben sollte – eine komplizierte Version der Präeklampsie. Und für Präeklampsie – die in früheren Zeiten mal „Schwangerschaftsvergiftung“ hieß – habe ich bereits alle Symptome erfüllt: Wassereinlagerungen; hoher Blutdruck; Eiweiß im Urin. Mehr als sich selbst juristisch abzusichern hat sie mit diesen Informationen allerdings nicht angestellt.

Während ich noch gegen die Wuttränen kämpfte, fuhr mich eine Freundin in die Uniklinik, wo der Verdacht mit einem Bluttest ausgeräumt und ich mit einem Blutdruck-Tagebuch und klaren Anweisungen zum weiteren Vorgehen entlassen wurde. Tatsächlich machten mir die Leute dort sogar den Eindruck, sie seien ehrlich am Wohlergehen meines Kindes und auch an meiner Gesundheit interessiert. Fragt sich nur: Was unterscheidet sie von jenen Ärzten und ihren Mitarbeitern, denen die eigene juristische Absicherung über alles geht?

Darüber werde ich nachdenken – vermutlich demnächst auch wieder in „meinem Wochenendhäuschen in der Fickt-Euch-Allee“.

 

w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.