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Zwei Menschen machen nebeneinander her hochkonzentriert jeder „Seins“ – in der Zeitung blättern, auf den Laptop starren, Wäsche aufhängen, den Vogel füttern, Playstation spielen. Nur an den mahlenden Kiefermuskeln merkt man: Hier wird etwas wegignoriert, verdrängt, totgeschwiegen. Seit Wochen befinde ich mich in meiner persönlichen Schweigespirale und bin darüber einfach nur: sprachlos.

Für mich genommen habe ich gar nicht so viel Gesprächsbedarf: Ja, mir ist neuerdings wieder meistens schlecht, weil das Baby mir den Mageninhalt direkt durch die Speiseröhre nach oben drückt. Ja, meistens nennt sich das Ergebnis Sodbrennen und ja, damit schläft es sich nicht so gut. Aber das ist nichts, was man nicht auch dem stetig pochenden Ischiasnerv zuschieben könnte. Ja, das macht mich alles ziemlich fertig und ja, mir rutscht jeden Tag irgendeine angepisste Beschwerde darüber raus, egal, wie sehr ich mich zusammenzureißen versuche. Aber wenn „Schuhe anziehen“ plötzlich bedeutet, dass man danach schnauft wie „früher“ nur nach diesen widerlichen Selbstversuchen „Jogging“, dass dabei Brechreiz unterdrückt werden muss und fürchterlichste Rückenschmerzen dem Bewegungsablauf die Grazie eines überlasteten Krans verleihen… dann ist das irgendwie höhere Gewalt. Zumindest fühlt es sich für mich so an, jeden verdammten Tag. Reden will ich darüber nicht – zumindest nicht mit meinem Freund, lieber mit Frauen, die das auch schon mal erlebt haben oder gerade erleben.

Der Mann an meiner Seite jedoch ist ganz offenkundig genervt. Das ahne ich, weil er jede meiner Klagen bestenfalls mit scharfem Einatmen und Schweigen entgegen nimmt, zweitbestenfalls mit einem Seufzen und schlimmstenfalls mit den Worten „Jaaaa, das wird jetzt aber nicht besser, wenn wir dauernd darüber reden, oder?“. Was die ganze Situation mit ihm macht, dazu erfahre ich nichts, denn: Hier beginnt diese Sprachlosigkeit, von der ich sprach (haha).

Wie geht es ihm, wie geht es mir damit, dass wir Eltern werden? Wovor hat er Angst, wovor fürchte ich mich? Worauf freut er sich, worauf freue ich mich? Wie beeinflusst ein Mensch, der noch gar nicht auf der Welt ist, schon jetzt unsere Beziehung – und wie wollen wir damit umgehen?

Zugegeben, das ist jetzt nicht gerade das Small-Talk-Material unter den möglichen Themen, aber: Das sollte kein Grund sein, diese Fragen einfach komplett zu umgehen, so wie wir das gerade tun. Leider werde ich aber regelmäßig möglichst kurzfristig darüber informiert, dass mein Freund den Abend bei seinen Kumpels verbringt oder sie (gerne an meinem Geburtstag) einfach mal bei uns auf dem Sofa abhängen werden. Und weil ich dieses Gespräch in den vergangenen Monaten so oft gestartet habe und dabei so oft gegen eine Wand aus aggressiv unausgesprochenem „Ich habe Angst vor der Veränderung in meinem Leben, ich will, dass alles so bleibt, wie es war“ gerannt bin, habe ich mich mit meiner blutigen Nase einfach zurückgezogen. In die Arbeit. Ins Schmollen. Ins Schweigen. Hinter meinen Laptop. Weil ich nicht mehr weiß, wie genau ich sagen soll:

Ich hatte auch schon schönere Phasen in meinem Leben, aber gemeinsam würden wir selbst die hier garantiert meistern – wo bist du? Wie kann ich dir, sprachlos, aus der Sprachlosigkeit helfen?

Foto: Joe Beck / unsplash.com
w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
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Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

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