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Oh anbetungswürdiges Dresden. Silbern glänzende Lichter spiegeln sich im Angesicht von Semperoper und Co. auf der vom Winde leicht aufgerauten Wasseroberfläche der trüben Elbe. Der Mond scheint hell, ein Lächeln huscht über meine Wangen, während ich das Gesicht einer älteren Dame mustere, die wiederum die modischen Akzente ihrer Sitznachbarin begutachtet. Nur noch ein paar Haltestellen, dann bin ich zu Hause. Mein Blick schweift aus dem Fenster der Bahn – hoch oben thront der goldene Rathausmann und wacht über meine Stadt.

800px-Rathausmann_(Dresden)Es ist anscheinend der letzte Verbliebene, der über das Wohl meiner Stadt wacht. Der goldene Rathausmann symbolisiert den Schutzpatron Herkules. Ich blicke ihm direkt in die Augen. Mut, Stärke, Durchsetzungsvermögen, Schönheit, Freiheit – ein Mahnmal für die Menschlichkeit soll er sein – unter seiner schützenden Hand sollen wir uns wohl fühlen.

Ich muss mich fast in meinen eigenen Mund übergeben beim Gedanken daran, dass wenige Meter unter ihm ein paar Sesselfurzer gerade darüber nachdenken, Pegida am 21. Dezember 2015 eine Route durch die Dresdner Neustadt zu bewilligen. Das Bündnis „Herz statt Hetze“ konnte das „Rennen“ um die Anmeldung einer Kundgebung am besagten Tag für sich entscheiden. Lutz Bachmann hat gestern seine Anmeldung für den Theaterplatz zurückgezogen – bevor die Stadt Dresden offiziell i-r-g-e-n-d-e-t-w-a-s verkündete.

Hurra! Gratulation! Der Oberbürgermeister und alle an dieser Entscheidung Beteiligten (oh, Entschuldigung: an diesem Vorgang Beteiligten. Eine Entscheidung und damit eine Positionierung hat die Stadt ja einmal mehr vermieden) haben es auf Grund eines fehlenden Arsches in ihrer Hose geschafft, dass am kommenden Montag in Dresden ein offener, politisch motivierter Straßenkrieg ausgetragen wird. Wie er geplant und umgesetzt wird, kann man schon jetzt hier verfolgen. Wenn Pegida für den 21. Dezember 2015 die Route durch die Neustadt (egal, wo genau) bewilligt wird, werden sich nur eine Hand voll Menschen zu der Kundgebung von „Herz statt Hetze“ zusammenfinden. Das zivilgesellschaftliche Dresden wird sich aus gutem Grund komplett aus dem Demogeschehen heraushalten.

Dafür werden aus allen Himmelrichtungen Links- und Rechtsextreme nach Dresden kommen, um einen Schauplatz für ihren immer schärfer werdenden Konflikt zu haben. Das vergangene Wochenende in Leipzig hat gezeigt was passiert, wenn Rechte provokativ versuchen, durch ein alternativ geprägtes Stadtviertel zu marschieren.

Ich bezeichne mich selbst als Antifaschisten. Weil es für mich eine Selbstverständlichkeit ist. Antifaschismus ist für mich Selbstverständnis, Antifaschismus ist Geschichtsverständnis. Antifaschismus ist ein soziales und gesamtgesellschaftliches Anliegen.

Das schließt für mein Verständnis die Anwendung von Gewalt vollständig aus. Aus diesem Grund werde ich am kommenden Montag zum ersten Mal nicht auf der Straße sein. Ich werde mich nicht an einem offenen Krieg beteiligen, den die Stadt Dresden mit Untätigkeit heraufbeschwört. Wie kann man nur einen dermaßen großen Haufen Sand in der Kimme haben und trotzdem weiter den Arsch zusammenkneifen, damit auch alles drin bleibt und ordentlich reibt? Wie kann man es zulassen, dass sich dieser Hetzklumpen Montag für Montag in Dresden zusammenrottet?

Besorgte Bürger? Dialog? Der Zug ist schon lange abgefahren. Dort trifft sich das pausbäckige, pöbelnde Freitaltum. Man muss sie doch verstehen – sie haben Sorgen und Nöte! Ja. Und Waffen – und anscheinend eine eigene Produktionsstätte für BIC-Feuerzeuge, damit das Feuerzeug auch ja angeht, wenn die Adventsheime brennen sollen. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – dann steht der Faschismus vor der Tür.

Herr Hilbert, gehen Sie doch mal vor die Tür. Laufen sie 50 Meter, dann drehen Sie sich um und schauen diesem goldenen Typen auf Ihrem Dach mal tief in die Augen, denken über Ihre Kindheit in Dresden nach und darüber, in welchem Dresden Ihre Tochter in Zukunft leben soll. Herkules hat den rechten Arm bereits bedrohlich erhoben.

Und ich bin fast zu Hause. Hoffentlich in Zukunft auch mal wieder ganz.

Foto: Jens Maus
Marc Saltberg

Seine Freunde wünschen ihm zum Geburtstag „eine fette Taube, die dir schön auf den Latz scheißt, dazu leichte, aber bestimmte Rückenschmerzen und das Gefühl, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, aber von niemandem gemocht zu werden.“ Was ihm sonst noch Nachtschweiß auf die Haut treibt, verarbeitet er hier.