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„Meine Freundin X, die liegt ja seit Wochen mit Schwangerschaftsvergiftung im Krankenhaus.“ – „Diagnose: Trisomie. Hat mir der Y gerade erzählt. Furchtbar, oder?“ – „Erinnerst du dich noch an die schlimme Frühgeburt von Z?“ – „Warte erstmal ab, in den ersten Wochen kann viel passieren, vielleicht wird das gar nichts mit dem Baby.“ Das waren im wesentlichen die Reaktionen, die auf mein überrascht-glückliches „Ich bin schwanger!“ folgten. Nein, sie waren nicht alle negativ. Aber die Dominanz, mit der aus Menschen Besorgte werden, wenn es um dieses Thema geht, hat mich doch von Beginn an irgendwas zwischen erschreckt und fasziniert.¹

Das war die Anfangsphase. Es folgte: die Phase, in der ich wirklich von allen Eltern in meinem Bekanntenkreis ungefragt über richtig und falsch aufgeklärt wurde. Wie sie ihre Kinder geimpft hatten oder eben nicht. Wie sie mit Hebamme entbunden hatten oder eben im Krankenhaus. Wie sie ihr Kind von Anfang an alleine hatten schlafen lassen oder wie es eben mit bei ihnen im Zimmer schlief. All das war mir inhaltlich vollständig wurscht, weil mich wochenlang eigentlich nur die Entfernung zum Eimer interessierte und ob das Zwicken jetzt schon ein freundliches „Hallo!“ meines Zwerges oder ernsthaft besorgniserregend war. Probleme, für die sich allerdings bereits gebackene Eltern nicht interessieren, denn: Sie wissen ja, was wirklich wichtig ist – nämlich das, was sie persönlich gerade erleben. Und das, Leute, ist ein riesiges Problem, „ich sage dir!“.

Jahrelang habe ich mich gefragt, wann eigentlich der Punkt kommt, ab dem aus ganz fröhlichen Menschen diese merkwürdigen, dauerbesorgten, schwarzmalenden Eltern werden, die mir mein ganzes Leben lang schon begegnet waren. Die man pausenlos fragen möchte: „Wie geht’s eigentlich deiner Lebensfreude und deiner Gelassenheit, wo auch immer sie jetzt sind?“ Seit meiner Pubertät denke ich mich an der These wund, dass Frauen bei der Geburt ihres Kindes irgendeine Hormonvergiftung erleiden, die sie zur typischen Mutter und einen empathischen Umgang mit dem eigenen Kind (und oft auch mit anderen Menschen) ab da unmöglich macht. Weil ja, für viele Mütter, immer alles gefährlich ist, und das Kind oft sogar auf Kosten seines eigenen Glücks geschützt werden muss. So wollte ich nie werden, und dachte, die Vermeidung einer Schwangerschaft sei der beste Weg dahin.

Hat jetzt nicht so gut funktioniert in den vergangenen Monaten. Also muss ich doch genauer hinsehen und versuchen, meine persönliche Mutterwerdung irgendwie anders zu beeinflussen, bestenfalls positiv. Woran liegt es also, dass viele Eltern so wahnsinnig verbittert, verbiestert und klugscheißerisch unterwegs sind? Ist es dieser merkwürdige Wettbewerbscharakter, den ihr Leben „plötzlich einnimmt“, den sie ihm aber eigentlich selbst verpassen, weil sie sich überall und ständig von anderen Bestätigung für ihr Handeln holen wollen?

Immer mehr habe ich den Eindruck, Menschen (Cousinen aber nicht!) wollen sich mit mir messen. Wollen beweisen, dass sie auf jeden Fall die besseren Eltern sind (Wichtiger Hinweis: Ja, seid ihr). Lassen Sätze wie „Das weiß ich doch nicht!“ auf keinen Fall zu, wenn es um Schwangerschaft und Kind geht. Dabei, ganz ehrlich: Woher soll ich denn nun plötzlich wissen, was eine Babyschale ist, wozu ich die brauche, wie mein ungeborenes Kind wohl am liebsten schläft und ob es lieber Selbstgekochtes oder was aus dem Glas haben will? Und: Woher wollen es all die anderen eigentlich wissen? Was soll all dieses krampfhafte alles richtig machen sollenmüssenwollen bringen? Darf man mit Kind denn wirklich nichts mehr falsch machen?

Zweifel und Unsicherheit bei allem, was ich denke und tue, möchte ich mir weiterhin erlauben. Und Fehler. Wer nie etwas falsch macht, macht es niemals besser. Ich schreibe das auf, damit ich mich daran erinnere, wenn mich die Realität eingeholt hat und mein Leben eine so große Herausforderung geworden ist, dass ich drohe, dauerbesorgt zu werden. Der erste Zweifel gilt direkt diesem Text: Muss der wirklich sein, oder war er ein Fehler? Viele, die ihn lesen werden, sind nämlich gar nicht gemeint. Und fühlen sich deshalb auch hoffentlich nicht angesprochen.

¹ Fußnote: Cousinen scheinen der heiße Scheiß zu sein! Die Cousine meines Freundes ist direkt solidarisch mit schwanger, der Geburtstermin liegt nur einem Tag vor meinem. Und meine eigene Cousine hält mich mit einem wundervollen Whatsapp-Livestream aus „Das wird anstrengend, aber verdammt großartig!“, nützlichen Praxistipps, Konfetti und süßen Kinderbildern bei Laune. I love both of them.

Foto André Spieker / unsplash.com
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Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
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Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

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