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Täglich flüchten aktuell bis zu 10.000 Menschen nach Deutschland. Die meisten von ihnen kommen über die sogenannte Balkanroute. Was sie dort erleben? Ralf Borrmann ist die Balkanroute als Helfer von Griechenland bis Dresden abgefahren. Seine Reise endet bei Pegida.

 

eidomeni-1029. September 2015, Flüchtlingscamp in Eidomeni, Griechenland. Es ist 12 Uhr, Mittag in einem winzigen Dorf an der griechisch-mazedonischen Grenze. Polizisten checken Pass und Presseausweis, keine Einwände gegen mich, nur etwas abseits parken, bitte. Die Mittagssonne wirft ein grelles Licht auf die Ebene, auf der das Camp aus etwa zehn großen weißen Zelten, Containern und ein paar Krankenwagen der Ärzte ohne Grenzen steht. Betrieben wird dieses Camp vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Eine Menge Menschen mit müden Gesichtern stehen, sitzen, in den Zelten und davor. Kinder, Frauen, in der Mehrzahl Männer jeden Alters. Die Flüchtlinge kommen in Bussen aus Thessaloniki oder Athen an, sofort werden Gruppen gebildet, die dann geschlossen die Stationen des Lagers durchlaufen: erste Informationen, Essen und Wasser, medizinische Versorgung. Mitarbeiter des norwegischen Roten Kreuzes sind vor Ort, sie berichten, dass sie hauptsächlich leichte Läsionen, Atemprobleme und Erkältungen behandeln. Die nächsten vier Monate werden sie hier aushelfen – denn es werden weiterhin Flüchtlinge nach Europa kommen.

eidomeni-9Vor dem Container der Ärzte bildet sich eine Traube, eine Mitarbeiterin möchte die Leute wieder ordnen, aber niemand versteht ihr Englisch. Ein etwa 20-jähriger Flüchtling übersetzt ihre Anweisungen ins Arabische. Er kommt aus dem Irak, Hamsa ist sein Name. Nachdem er aus Mossul wegen des Terrors des „Islamischen Staates“ IS nach Bagdad fliehen musste, stellten ihn dort Kämpfer wiederum vor die Wahl: Entweder du kämpfst für uns, oder du bist für den IS, dann töten wir dich. Das war vor sechs Tagen, ein Flug nach Istanbul, ein Schlepperboot nach Griechenland, jetzt ist er hier. Das Geld dafür hat er sich mit Gelegenheitsjobs auf der Strasse verdient. „Meine Schwester und Mutter sind im Irak geblieben, Frauen und Kinder sind uninteressant für die Extremisten.“ Er will nach Berlin und mir dann von seiner Weiterreise berichten.

Am Ende des Besuchs treffe ich den UNHCR-Campleiter. Anfangs unwirsch erklärt er schließlich bereitwillig, wie das Camp funktioniert. Mehrere tausend Menschen kommen hier täglich an, 60.000 allein in den vergangenen zehn Tagen. Nachdem sie das Camp durchlaufen haben, medizinische und psychologische Notfälle behandelt wurden, werden sie in Gruppen zu 50 über die Grenze geschickt, etwa 400 Meter zu Fuß. Dahinter wartet ein Zug und vier Stunden später kommen sie in ein weiteres Camp an der Grenze zu Serbien.

Für ein genaueres Bild des Flüchtlingsstroms fahre ich weiter nach Skopje in Mazedonien. Ich entdecke, dass es für jedes Land der Route Facebook-Gruppen gibt, welche die Hilfe Freiwilliger und lokaler Nichtregierungsorganisationen (NGO) zu koordinieren versuchen und auf aktuelle Brennpunkte hinweisen. Die Situation an der serbisch-mazedonischen Grenze kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht entschlüsseln, also melde ich mich bei einem Flüchtlingsprojekt in Belgrad für einen Vormittag zur Mithilfe an. Hier werden gerade Freiwillige benötigt.

belgrade-324 Stunden später bin ich angekommen in der serbischen Hauptstadt. Was genau ich tun werde im „MikserHouse“, weiß ich nicht, als ich verschlafen zum verabredeten Termin durch Belgrad fahre. Ich lande vor einer Barackenlandschaft an der Donau. Das Gelände steht in deutlichem Kontrast zur steinernen Erhabenheit von Belgrad. Bretterhütten und zwei improvisierte Zelte, im Hinterland ein paar Toilettenhäuschen. Ein scharfer Geruch zieht vom nahen Fluss heran, während eine Putzfrau großflächig Desinfektionsmittel auf dem Asphalt verteilt. Die Koordinatorin steckt mich ins „Line Management“ – an einen langen Tresen in einer der Hütten, an dem die nötigsten Dinge an Flüchtlinge ausgegeben werden: Wasser, Essen, Hygieneartikel. Nachdem ich den Wasservorrat aufgefüllt habe, verpacke ich Brot in Plastiktüten, eine Menge davon. Vieles davon wird von Belgrader Bürgern und Unternehmen gespendet, einen Teil müssen die Organisatoren allerdings zukaufen.

belgrade-5Als die erste Gruppe von etwa 30 Menschen ankommt, stehe ich zwischen Jelena und Aleksandar aus Belgrad und verteile Brot, Äpfel und Dosenfisch, während sich an der Station für Schuhe eine Schlange bildet. Nur ein Teil der Flüchtenden hat das Geld für Zug oder Bus, wie die zerfetzten Turnschuhe, die ich an ihren Füßen sehe, deutlich zeigen.

Jelena erklärt mir, dass der Großteil der Menschen, die hier in den Stadtparks campen, aus Syrien und Afghanistan kommen. Ihnen fehlt das Geld für die Weiterreise, sie müssen auf Verwandte warten oder sind auf Spenden angewiesen. Sadam, ein junger Afghane, der sich hier gerade einen Tee geholt hat, ist seit vier Wochen unterwegs. Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien – hauptsächlich zu Fuß. Als er in gebrochenem Englisch von den Anstrengungen der langen Reise erzählt, hat er tiefe Sorgenfalten im Gesicht. Sein Ziel: Deutschland.
Das Gelände des Spendencamps wurde vom Mikser House, einem hiesigen Tanzlokal, zur Verfügung gestellt. Da die serbische Regierung Durchreisenden keine Unterstützung zukommen lässt, organisierte sich „Refugee Aid Serbia“, ein Zusammenschluss aus neun lokalen NGOs, und versorgt nun die Flüchtenden mit dem Nötigsten. Freiwillige aus über 40 Ländern helfen hier hier seit August, die Spenden aus Serbien und ganz Europa anzunehmen und zu verteilen.

belgrade-9Nach meiner Schicht lasse ich mir von Jelena die Camps in den Stadtparks zeigen. Windschiefe Zelte stehen neben langsam wieder trocknenden Schlammpfützen, einige Zelte sind mit Planen abgespannt, dazwischen spielen Kinder. Ein paar Toilettenhäuschen dienen wiederum als sanitäre Einrichtungen. Es ist deutlich, dass die Menschen hier nur geduldet werden, eine schnelle Weiterreise ist mehr als erwünscht. Doch vor ein paar Tagen waren die Parks noch voll, jetzt leeren sie sich. Wer die Mittel hat, reist schnellstmöglich weiter, wohl auch, da Ungarn dabei ist, seine Grenzen mit Stacheldraht abzuriegeln.

tovarnik-1Um zu sehen, wie das Nachbarland mit dem Anstrom umgeht, fahre ich weiter nach Kroatien. Am Bahnhof Tovarnik direkt an der serbischen Grenze wird die Station von unzähligen Polizisten abgeschirmt. Sie fragen hartnäckig nach irgendeiner Akkreditierung, zuletzt lassen sie mich aber fotografieren. Mit Blaulicht werden die Flüchtenden in Polizeiwagen von der Grenze hierher transportiert, einzeln registriert, vom kroatischen Roten Kreuz mit dem Notwendigsten versorgt und in einen wartenden Zug zur ungarischen Grenze gepackt. Wohin genau, kann mir hier niemand sagen. Die Abendsonne steht schon tief und eine Atmosphäre der Anspannung liegt über dem Bahnhof. Der Zug ist offensichtlich überfüllt, immer wieder recken sich Köpfe aus den Fenstern, es gibt keine Sitzplätze. Auch hier wird deutlich, dass die Menschen soll schnell wie möglich weitertransportiert werden. Hauptsache: weg.

tovarnik-6Auf der Rückfahrt über Zagreb und Wien habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Die Dimensionen dieser Völkerwanderung sind mir nun klar, es gibt ein Netzwerk an kleinen Gruppen und NGOs, die ihr möglichstes tun, um die Flucht von täglich tausenden Menschen überhaupt möglich zu machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der Strom in den nächsten Wochen nicht abreißen, wie mir die Postings der Refugee-Aid-Gruppen aus Thessaloniki, Presevo und Hegyeshalom zeigen. Überall werden Spenden und Freiwillige benötigt.

Als ich in Dresden ankomme, gehen gerade 9000 Menschen bei Pegida spazieren.

Fotos: Ralf Borrmann

Nachdem er diesen Text veröffentlicht hat, ist Ralf wieder aufgebrochen – zurück zur Balkanroute, um zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Und zu dokumentieren, wovor so viele besorgte Bürger gerade in Dresden die Augen und die Herzen verschließen.