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Ich war Fallschirmspringen. Was man eben so macht, wenn man älter wird und sich beweisen will, dass das Leben noch aufregend ist. Wenn man sich dafür bewusst außerhalb der eigenen Komfortzone bewegt. Nun ist meine Komfortzone aber genau so groß wie die Kuhle in meinem Sofa, die eine höhere Macht nach meinem Abbild geschaffen hat. Eine Cessna auf dem Flugplatz in Finsterwalde ist nicht nur außerhalb, sondern sehr weit weg von meiner Komfortzone.

Doch von vorne. Die Nacht vor dem Sprung verbringe ich statt mit Schlafen mit Warten. Als um 6 Uhr der Wecker klingelt, springe ich sofort unter die Dusche, in der Hoffnung, kaltes Wasser könne die bleierne Müdigkeit wegspülen. Und diese merkwürdige Beklommenheit. Bisher war ich nicht aufgeregt. Schließlich habe ich unter anderem deshalb zugesagt, weil ich mich für eine moralische Stütze gehalten habe: Der Mann hat das Spektakel von seinen Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen, konnte sich aber wochenlang nur ein „Daaankeeee?!?!“ dazu rausquälen.

In drei Autos – es sind dann doch ne Menge moralische Stützen geworden – gurken wir eine Stunde lang durch Sachsen und Brandenburg. Unterhalten uns über Youtube-Videos von Fallschirmsprüngen, bei denen Leute ohnmächtig geworden und Schirme nicht aufgegangen sind. Fragen uns, ob wir wohl durch Wolken fallen werden. Diskutieren, ob wir nun fallen oder fliegen. „Alles eine Frage des eigenen Antriebs“, philosophierte darüber am Abend zuvor schon der Mann, und bekam von mir großkotzig ein „der eigene Antrieb ist ja zum Glück das einzige, was du dabei selbst im Griff hast“ hingerotzt.

Da sollen wir dann rausfallen. Aha.

Jetzt ist von Großkotzigkeit nichts übrig. Schon im Auto habe ich ganz unvermittelt Tränen in den Augen. Als wir nach längerem Warten und Schweigen im Sonnenschein plötzlich Anzüge in die Hand gedrückt, Geschirre angezogen und Fliegermützen aufgesetzt bekommen, uns bäuchlings auf den Boden legen und Trockenübungen machen müssen („Becken vor! Kopf in den Nacken!“), bin ich schon gar nicht mehr so richtig da. Eigentlich höre ich nur noch mein Blut rauschen.

„Du bist Eva? Ich bin ___, wir springen heute zusammen. Das Arbeitsamt hat mir diese Woche gesagt, den Job kann man problemlos auch ohne Vorkenntnisse machen.“ Den Namen meines Tandempartners vergesse ich direkt wieder und werde ihn auf den letzten Schritten zum Flugzeug nochmal danach fragen. Für Humor habe ich keine Kapazitäten mehr und quäle mir nur noch ein „Aaaah, vertrauensbildende Maßnahmen, wie schön…“ raus. Ab da mache ich relativ kommentarlos, was man mir sagt – bis ich plötzlich mit sieben anderen, drei davon aus unserer Gruppe, in der kleinen Cessna in zwei Reihen auf dem Boden sitze. Immer abwechselnd reiht sich Tandempartner an Anfänger an Tandempartner, 4000 Meter Höhe sind unser Ziel. Ich sitze ganz vorne links und werde als zweite hier rausfallen. Des Rollgitter schließt, der Motor startet.

„Jetzt sind wir bei 800 Metern.“ Ein Handgelenk landet direkt vor meiner Nase, daran ein Höhenmesser. 800 Meter, erst! Ich starre zum Fenster hinaus und bewundere die Seenplatte, konzentriere mich auf das Sonnenlicht, das die Wasseroberflächen glitzern lässt. Was gleich passiert, findet in meinem Kopf nicht statt. „1500 Meter. Komm mal auf meinen Schoß.“ Keine Zeit für befremdete Blicke, Gurte werden festgezogen, „Zieh mal den Bauch ein.“ Jetzt fühle ich mich immerhin zu fett, das ist emotional eine willkommene Abwechslung. „Lass uns den Absprung nochmal in Gedanken durchgehen.“ Von mir aus: Wir werden auf dem Arsch dahin kriechen, wo jetzt noch das löchrige Rollgitter die Luke versperrt. Ich werde meine Füße nach hinten unter das Flugzeug biegen, das Becken nach vorne, den Kopf in den Nacken und die Arme anlegen, mich mit den Händen an den Gurten meines Geschirrs festhalten, „Banane nennt sich diese Haltung“ – und „den Rest erledige ich“. Dann werde ich im freien Fall irgendwann ein Klopfen am Arm spüren, das mir „klapp die Arme aus“ sagt, und später ein zweites, das „nimm die Arme wieder an den Gurt“ heißt. Dann geht der Schirm auf, und „alles weitere besprechen wir dann“. „Eva, geht’s dir gut?“ – „Ich bin aufgeregt, und ich werde schreien. Aber das dürfte normal sein.“ – „Absolut, das ist das Adrenalin.“ Vor meiner Nase zeigt ein Daumen nach oben.

Während ich weiter zum Fenster raus starre, verwickle ich meinen Tandempartner zum Stressabbau in ein Gespräch darüber, dass er vergleichsweise spät mit diesem Sport angefangen hat, aber schon ab dem ersten Sprung – auch im Tandem – begeistert war. Etwa 300 Sprünge hat er seitdem gemacht, und Tandemspringen ist für ihn „die einzig legale Weise, Anfänger mit diesem großartigen Sport anzufixen. Eva, setz jetzt bitte deine Mütze auf.“ Alles passiert gleichzeitig: Alle sind in Bewegung, das Gitter fährt hoch, der einzige Solo-Springer ist irgendwie schon verschwunden, der Mann reicht mir ein letztes Mal die Hand und sieht dabei aus, als hätte er echt schlecht gegessen, er rutscht zur offenen Luke… und ist plötzlich: weg. Einfach so. Ich spüre, wie ich auch nach vorne rutsche, höre die gebrüllten Kommandos direkt neben meinem rechten Ohr kaum, denke „Banane“ und hänge ganz plötzlich schon im Geschirr in der Luft, nur mein Tandempartner hält sich noch am Rahmen der Luke fest und dann…. AAAAAAAAAAH!!!!

Nicht mein Sprung, aber auch geil.

Als wir aus dem Flugzeug fallen, höre ich nur die Geschwindigkeit, die das Blut in meinen Ohren übertönt. Ich merke, dass ich schreie, bis daraus Lachen wird. Unter mir Grün und Blau, vor mir krümmt sich die Erde deutlich sichtbar zu einer Kugel. Ein Schlag auf den Oberarm, und ich strecke die Arme aus. Ich fliiiiege! Meine Kappe flattert im Wind, weil ich mich geweigert habe, sie richtig fest zu ziehen, mein Mund wird unfassbar trocken, weil ich vergessen habe, dass ich den ja idealerweise geschlossen halte, aber: Ich fliiiiege! Dann, viel zu früh, der zweite Klaps auf dem Arm, gefolgt von dem Gefühl, gerade noch ein Stückchen tiefer gefallen zu sein, dann: Aua! AUA! Das Geschirr beißt sich an meinen Oberschenkeln fest, ich werde nach oben gerissen, der Schirm ist offen. Scheiße, das war zu kurz!

Während wir gleiten, sucht mein Blick vor allem die anderen. Unter mir dreht ein lilafarbener Schirm Pirouetten parallel zur Erde, mir wird flau. „Stell dich mal auf meine Füße“ höre ich von hinten, und als ich das mache, entpuppt es sich als das erstaunlichste Gefühl bisher: Ich stehe, in der Luft! Geil. Dann allerdings werden meine Gurte gelöst, damit ich es bequemer habe – fühlt sich aber so an, als würde ich gleich hier rausfallen. „Jetzt bist du mit Lenken dran, wir sind ja nicht zum Spaß hier.“ Ich greife mit jeder Hand eine Schlaufe und ziehe erst links, dann rechts mit aller Kraft das Seil nach unten, das am Rand des Schirms befestigt ist. Jetzt sehen wir von oben wohl auch aus wie so ein Kreisel. Ich lache hysterisch, während sich mein Magen auf ganz eigene Weise dreht. Ich bin froh, als mein Tandempartner wieder die Steuerung übernimmt, winke kurz unserer riesigen Begleit-Crew am Boden (DANKE für den Beistand, ihr seid toll!) zu und taste mit meinem Blick alles nach dem Mann ab. Der ist gelandet, puh! „Beine anziehen“ raunt es von hinten, dann „Beine hoch“ – und schon sitze ich mit dem Arsch fest auf dem Boden. Hat gar nicht weh getan. Aber: Mir ist schwummrig. So. Richtig. Eimer?

Ich helfe noch schnell, den Schirm vom Boden zu raffen, dann stiefeln wir – den anderen Zweiergruppen hinterher – zurück zum Hangar. Obwohl mir echt übel ist, scheine ich immerhin meinen Humor wiedergefunden zu haben. So gehen wir zu zweit zur jubelnden Meute, ich sage „Wir beantworten jetzt eure Pressefragen“, mein Tandempartner erklärt im besten Sportlerton „Mir war ein bisschen schlecht, aber Eva gings gut.“ Dann ist es vorbei. Schon nach fünf Minuten bekomme ich das Video gezeigt, das ___ (seinen Namen habe ich vor lauter Erleichterung glatt schon wieder vergessen) mit einer Go-Pro am Handgelenk von unserem Sprung gemacht hat. Ich höre mich schreien, höre ich mich lachen, sehe aber vor allem, was 200 km/h mit meinem Gesicht machen und stelle mit Entsetzen fest, dass ich vor allem zu eitel bin, um mir für 90 Euro diese Erinnerung an tiefe Furchen auf der Stirn und einen flatternden Hals zu kaufen. Dann halte ich mich endlich mal kurz am Mann fest und sehe in den Gesichtern der anderen, was dieser Sprung auch mit mir gemacht hat: 200 km/h haben allen ein breites Lächeln ins Gesicht gemeißelt, das so schnell nicht verschwindet.

Bildschirmfoto 2015-09-27 um 11.48.53

Tauchen. Geiler.

Erst am Abend fällt all das von mir ab. Ich erinnere mich wieder an Gesprächsfetzen, die ich in Ganzkörperanspannung fabriziert habe. Wie ich zum Beispiel den Mann angeraunzt habe, er soll beim Fotografiert-Werden mal ein anderes Gesicht machen. Oje. War das wirklich ich, oder stand ich neben mir? Als das 200 km/h-Lächeln verschwunden ist, bleibt eigentlich nur: Erleichterung, dass es vorbei ist. Schlechtes Gewissen, das Geld nicht für den richtigen, sauteueren Extremsport ausgegeben zu haben. Der Wunsch, mal eben drei- bis viermal mein Tauchvideo aus dem Anfängerkurs anzusehen. Und die Gewissheit, die Sprunghaltung das nächste mal definitiv wieder in meinem eigentlichen Element einzunehmen. Banane!

Fotos: skyjumps.de; Pete R. / bucketlistly.com
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Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.