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Langsam verlässt mich der Glaube daran, dass diese Stadt etwas anderes sein kann als das Zentrum der Absurdität. Heute liefern Dresdens übliche Verdächtige einmal mehr Anlass zum pausenlosen Kopfschütteln: Lutz Bachmann schlachtet eine entsetzliche Nacht in Suhl aus, um endlich wieder in messbarer Größe „Volk“ für Pegida auf die Straße zu hetzen. Und die (nennen wir sie spaßeshalber Architektin) Regine Töberich muss keine Geldstrafe fürs Weg-Wegbaggern zahlen, heult sich aber trotzdem via Facebook aus.

Er ist wieder da

Screenshot vom Epoch-Times-Liveticker.

Schilda, 20. August 2015. Wenn am kommenden Montagabend wieder Menschen, vereint in Missgunst und Egoismus, durch Dresden „spazieren gehen“, könnten es zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder deutlich mehr sein als die paar, die zuletzt (am vergangenen Montag in Chemnitz waren es großzügig geschätzt noch 400) zum gemeinsamen Hassen und Hetzen zueinander gefunden haben.

An diesem vergangenen Montagabend konnte ich noch über den Live-Ticker lachen, den die pegidanahe Epoch Times zu dem Budenzauber veröffentlicht und mit einer so gnadenlos passenden Werbeeinblendung versehen hat (siehe rechts, da steht sie richtig). Heute aber, genau jetzt, spielt Pegida-Führer Lutz Bachmann Facebook durch, und das ist echt gar nicht mehr zum Lachen. Der Stoff, aus dem seine verzweifelten Mobilisierungsversuche sind, stammt aus Suhl und wurde ihm in der vergangenen Nacht geliefert. In der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung – aktuell mit 1800 Geflüchteten belegt statt mit den maximal erlaubten 1200 – ist die Lage eskaliert, als ein Geflüchteter Seiten aus dem Koran riss und im Klo runterspülte. Zahlreiche andere, muslimische Geflüchtete nahmen das zum Anlass, den Mann anzugreifen, zu verfolgen, bis er im Raum des Wachschutzes Hilfe suchte. Die Polizei wurde alarmiert – und von der wütenden Horde ebenfalls angegriffen. Wie übrigens auch Journalisten des Mitteldeutschen Rundfunks, die die Ereignisse filmten.

Das ist Scheiße. Auf so vielen Ebenen.

Gewalt ist immer zum Kotzen. Selbsterfüllende Prophezeiungen sind es auch. Was eine selbsterfüllende Prophezeiung ist? Nun, wenn man zum Beispiel zulässt, dass Menschen verschiedener ethnischer Herkunft und religiöser Überzeugung nach einer zehrenden Flucht in ein völlig überfülltes Heim gestopft werden, bis die Stimmung (und wer zum Teufel kann das menschlich nicht nachvollziehen? Ich mag mir manchmal nichtmal das Bad mit meinen Mitbewohnern teilen! Und die gehören derselben Religion an wie ich, nämlich keiner.) hochkocht und die Situation eskaliert. Um dann zu sagen: „Ha, wir haben es doch gewusst! Diese Islamisten und Glücksritter bringen den Bürgerkrieg in unser schönes, vorgartengepflegtes Jägerzaun-Land!“

Das war jetzt natürlich viel zu gemäßigt formuliert – wer Lust hat, sich ein paar Originaltöne reinzuziehen, kann sich hier an gelebter Mitmenschlichkeit unserer Gegenwart erfreuen (Tipp: Eimer bereit stellen, Taschentücher schaden auch nicht):

 

Wenn Hetzer, die ständig nur Horrorszenarien geunkt und zu keinem Zeitpunkt an der Verbesserung der Zustände mitgeholfen haben, sich bestätigt fühlen und das Elend in Suhl für die Stärkung einer menschenfeindlichen Bewegung nutzen (zumindest haben sie direkt „auf Grund der aktuellen Ereignisse“ ihren Montagabend an ein geräumigeres Plätzchen, nämlich den Altmarkt, verlegt)… dann ist das einfach ein wirklich dunkelschwarzbrauner Tag, und zwar nicht nur für diese verdammt braune Stadt.

Mein verzweifelter Versuch, dem Ganzen mit maximalem Wohlwollen etwas Positives abzuringen, geht ungefähr so: Immerhin wird man am Montag bei Pegida vor lauter Hass auf den Islam, den Koran, Geflüchtete, ach, Fremde(s) im Allgemeinen, wohl keine Zeit bleiben, auf der Bühne mal wieder für Solidarität mit Regine Töberich zu poltern.

Kurzer Rückblick: Die, äh, gute Frau (zum Glück steht der Eimer noch parat) hatte im Mai einfach mal ein Stück des beliebten Elbradweges wegbaggern lassen, um ihr Luxus-Bauvorhaben durchzutrotzen. Ein Grünen-Ortsbeirat hat ihr dafür noch an Ort und Stelle eine geklebt, ich habe es höchstpersönlich klatschen hören. Dafür muss er nun 500 Euro an einen gemeinnützigen Verein zahlen, das Strafverfahren gegen ihn wurde mit dieser Auflage eingestellt. Nun töbt die Dame bei Facebook, dass man in Dresden offenbar ungestraft Frauen schlagen darf, erinnert bei dieser Gelegenheit daran, dass ihre „wirtschaftliche Existenz rücksichtslos auf dem Scheiterhaufen roter Ideologie verbrennt“ und liefert damit fast schon das Redemanuskript für Lutz Bachmann oder Tatjana Festerling am Montag. Hier und da noch ein „versifft“ dazu, alles schrill ins Mikro gebrüllt – fertig! Hätte sie aktuell nur nicht so starke Konkurrenz aus der Kategorie „Steilvorlagen für Islam- und Fremdenhass“.

Töberich_Fotor

Fundstück am falsch weggebaggerten Elbradweg.

Nur, um das klar zu stellen: Ich bin kein Freund davon, dass man sich auf offener Straße (auch wenn die gerade mutwillig zerstört wurde) ohrfeigt. Auch nicht davon, dass in Dresden die Witze zu diesem Thema alle aus einem „Ach, 500 Euro? Das wärs mir auch wert gewesen!“- oder „Ist das bei dem Gesicht eigentlich noch Körperverletzung oder schon Sachbeschädigung“-Stoff sind. Dass die gute Frau sich aber ausschließlich als Opfer inszeniert und dabei alles andere unter den Tisch fallen lässt, gefällt mir ebenso wenig. Deshalb hier mal zum auf-der-Zunge-zergehen-lassen: Die 5000 Euro, die ihr als Strafe angedroht waren, falls sie sich mit dem Bagger am Elbradweg vergreifen sollte, muss Frau Töberich nun doch nicht zahlen. Der Grund: Sie hat ja an der falschen Stelle, also nicht auf ihrem Grundstück, gebaggert – die Strafandrohung galt aber nur für ihr Grundstück.

Dresden durch. Immer und immer wieder.

Foto: Ulrich Merkel  / pixelio.de
w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
w3b1

Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

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