Share Button

Die Zusage für den Master in Leipzig kam bei Rang zwei auf der Warteliste nicht sonderlich überraschend, aber eher als gedacht. Die Freude war groß, Tränen flossen, alle Menschen (auch alle, die es vermutlich nicht wissen wollten) wurden informiert.

Endlich weg aus Berlin! Endlich eine zweite Chance in meinem geliebten Leipzig! Endlich… auch mal wieder Wohnungssuche. Mache ich ja sonst eher selten. Hust.

 

Rückblende

Schon während meiner Schulzeit war Leipzig DER Shit für mich. Aber ich hatte auch keine andere Wahl. Ich komme aus einem kleinen Nest bei Bitterfeld (!) in Sachsen-Anhalt (!) und weder Dessau (!) noch Halle (an der Saale!) kamen in irgendeiner Weise für die Gestaltung meiner pubertären Freizeit in Frage.

Außerdem konnte man in Leipzig so unfassbar gut Schuhe shoppen! (Nein, Onlineshopping gab es noch nicht.) In einer Zeit, in der ich Menschen nicht ins Gesicht, sondern zuerst auf die Schuhe guckte, um zu entscheiden, ob sich der Blick nach oben überhaupt lohnt, war das sehr wichtig. Einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt – ja ok, nur, wenn man Steine wirklich weit werfen kann – liegt der Ort, an den ich mein gesamtes Jugendweihegeld (Ja, Osten!) getragen und erst in Chucks und dann später in Vans angelegt habe.

Schon damals stand fest: Leipzig ist meine große Liebe. Wenn ich mal groß bin, muss ich unbedingt da wohnen. UNBEDINGT! Leider habe ich diese Erkenntnis auf dem Weg von meiner Pubertät zum Abitur irgendwie verloren. Nach dem Abi wollte ich – warum auch immer – erst mal weg, und zwar am besten weit. Hab ich gemacht, Heimweh gabs gratis.

 

Mekka aka. Leipzig

Und was macht man, wenn man Heimweh hat? Also abgesehen von traurig sein? Genau: In die Heimat fahren. Das hieß in meinem Fall merkwürdigerweise schon damals: nach Leipzig fahren. Immer wenn ich da war, hatte ich die besten Menschen, die es überhaupt gibt, um mich. Da wurde gemeinsam gefeiert, getrunken und am nächsten Tag gemeinsam ausgiebig gelitten. In Leipzig war ich nie allein. Hier hatte ich immer einen Platz zum Schlafen, an dem ich mich mehr als wohlfühlte.

Alle Menschen, die ich während dieser Zeit in Leipzig traf, erschienen mir nett und fröhlich und irgendwie ein bisschen mit Glitzer überzogen. Logisch, wenn man immer nur am Wochenende da ist und die Alltagsprobleme der anderen nicht sieht, sondern nur die feierwütigen Ausgaben ihrer selbst. Aber selbst wenn ich mal unter der Woche zu Gast war, wurde gefeiert – ständig! Ich war so neidisch. Meine eigenen Kommilitonen waren irgendwie immer nur damit beschäftigt, ihr Streberdasein zu pflegen statt das komplette erste (oder alle weiteren auch) Semester in Alkohol einzulegen. Kein Wunder also, dass im Vergleich zu meinem Leben – im für mich sehr ätzenden Karlsruhe – in Leipzig alles immer so viel besser erschien.

Notiz_an_mich_selbst

Neulich beim Aufräumen gefunden: Notiz an mich selbst aus vergangenen Tagen.

Anstatt mir in Karlsruhe ein eigenes Leben aufzubauen, verbrachte ich täglich Stunden in Immobilienportalen auf der Suche nach der perfekten Wohnung – in Leipzig. Total bekloppt, da ein Umzug nach Leipzig nicht ansatzweise zur Diskussion stand. Aber ich konnte nicht anders. Ich war süchtig. Süchtig nach weißen Flügeltüren, Stuck und Parkettböden. Süchtig nach Grundrissen und Stadtteilen.

Wie hätte ich also im vergangenen Jahr nein sagen können, als mir ein Job in Leipzig auf dem Silbertablett serviert wurde? Eben! Da musste ich keine Sekunde zögern, da hab ich aber sowas von sofort zugegriffen. Wie ein gieriges kleines Kind vor einem großen Süßigkeitenregal. Wie ich.

Endlich keine Probleme mehr. Dachte ich. Leipzig, das Allheilmittel für alles, das in meinem Leben schief läuft. Das war doof, merk ich selber. Aber nach sechs Monaten direkt wieder zu flüchten, weil nicht alles so läuft, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat – noch viel dööfer! Deshalb werde ich jetzt hoffentlich alles besser machen. Ich werde nicht darauf hoffen, dass alles super ist und gülden glänzt – denn das geht gar nicht. Nicht mal in Leipzig. Irgendwas ist immer kacke. Aber eine kluge Frau hat mir verraten: Das ist normal! Ein Glück. Da braucht man auch nicht so genau hinglotzen, besser wird es dadurch ja auch nicht. Eher im Gegenteil.

Ich weiß jetzt: Diese Stadt kann viel für mich. Doch meine Probleme lösen, nein, das kann sie nicht. Ein guter Ausgangspunkt für einen zweiten Versuch!

Illustration: Gisela Gramsch

 

miezekind

Arbeiten, das ist… scheiße! Zumindest, wenn man sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt. Deshalb: Neustart! Mal sehen, ob – und wenn ja wie – sich Arbeit irgendwie mit einem lebenswerten Dasein vereinbaren lässt. Leben. Ein Selbstversuch. Außerdem muss ja irgendjemand den Einhörnern mal sagen, dass sie auch nur Pferde mit Partyhüten sind.