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Gestört. Beziehungsunfähig. Das bin ich. So weit die übliche Selbstauskunft Ü30. Ich würde jetzt noch kurz erklären wollen, warum ein „Ich liebe dich“ in mir mächtigen Fluchtreflex weckt.

Wenn es um Liebe geht, denke ich an Groucho Marx, genauer gesagt an seinen „Resignation Joke“ – auf Deutsch ungefähr: Ich möchte nicht Mitglied in einem Club sein, der mich als Mitglied akzeptieren würde. Wenn mir jemand „Ich liebe dich“ sagt, schreibt, mit Teelichtern auf den Fußboden legt oder mich auch nur mit einem Blick ansieht, der genau das bedeuten soll, dann ballt sich automatisch mein Gesicht zur Faust und ich sage irgendwas zwischen „Spinnst du?“ oder „Interessante Wahl!“.

„Ich liebe dich“ verträgt sich rein überhaupt gar kein bisschen mit den vielen schlaflosen Stunden (netto auf ein Leben betrachtet sind es vermutlich längst Monate), in denen ich daran verzweifelt bin, dass ich doch auch nur ein ganz gewöhnlicher schlechter Mensch bin. Der weniger hilft, als er könnte. Weniger leistet, als er sollte. Sich weniger kümmert, als er möchte. Dem der eigene Vater zum Geburtstag schreibt „Vielleicht kannst du dich daran gewöhnen, dich fair, also besser, zu beurteilen. Wenn nötig, schenke ich dir die rosarote Brille dazu.“ Der – nach eigener Überzeugung – auf jeden Fall weniger Liebe verdient, als er bekommt. Weil er einfach nur ein Mensch ist, und der Menschheit ist zwischenmenschlich wenig zuzutrauen.

Diese Überzeugung eignet sich als Basis für eine Beziehung ungefähr so gut wie Treibsand. Was beschissen ist, wenn man nach vielen Jahren des überzeugten Single-Daseins jemandem begegnet, der sich weder von gestört, noch von beziehungsunfähig, noch von der Gesichtsfaust oder einem „Interessante Wahl!“ schrecken lässt. Der auch nur ein Mensch ist, aber damit lebt und liebt. Der einfach bleibt, egal wie unfähig ich mich benehme. Egal wie unangenehm mein Schweigen oder mein Reden wird.

Ich rede pausenlos. Seit Wochen. Über jeden Mist, über jede Schwäche, mit einer Motivation, die von „Du wirst schon noch merken, dass ich zu bekloppt bin“ bis „Solange ich rede, bin ich wenigstens mit etwas beschäftigt, das ich kann“ reicht. Dabei bin ich grenzenlos überfordert – und allmählich geht mir auch der Gesprächsstoff aus. Wobei es aus meiner Sicht gar nichts zu sagen gibt, außer: Es ist wunderschön, dass es dich gibt! Es ist wunderschön, dass ich dich kenne! Es ist wunderschön, dass du bleibst! Dass du mit der Schlagzahl lebst, in der ich Sätze mit „Ich…“ beginne, alles auf mich beziehe und meine Zweifel an einem „uns“ kultiviere, weil daran ja ein beklopptes „ich“ beteiligt ist.

Aber wie sagt man das? Kürzer? Mit weniger „Ich“? Vielleicht sogar mal ohne Worte? Wie sagt man es besser?

Wahrscheinlich gibt es gar kein besser, sondern eine persönliche Beziehungs-Weise, die nur für diese beiden Menschen in genau dieser Situation taugt – und die muss man erst finden. Also gehe ich jetzt und hier auf die Suche. Damit ich endlich versenden kann, was neben all dem Selbstzweifel in mir brodelt. Was – schlecht in Worte gegossen – vermutlich ungefähr heißt: Danke, dass du bist, wer du bist – ich liebe selbst die Eigenschaften an dir, die meine skeptische Zornesfalte in Wallung bringen. Danke, dass du mir hilfst, über mich selbst hinwegzukommen. Danke! Ich l-worte dich.

Herzlichst, ihre Krokettenkönigin

Foto: BarnImages.com
w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
w3b1

Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

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