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Es ist was faul in Dresden. Und zwar mehr als nur Pegida. Als vor acht Monaten Nazis und „besorgte Bürger“ angefangen haben, Lutz Bachmann hinterherzurennen (auf der Straße und bei Facebook), um – den eigenen Besitz stets sorgenvoll im Blick – gemeinsam gegen jeden und alles zu hetzen, habe ich mich gefragt: Was bedeutet das für Dresden? Einen Imageschaden – ja. Den haben wir ja längst. Was wir jetzt außerdem haben, ist eine Stadtgesellschaft, in der man schäbig miteinander umgeht – und in der man einander ganz selbstverständlich hasst.

Inzwischen hat jeder ein Feindbild direkt vor der Haustür: Pegida hasst Geflüchtete, denn die sind ja (laut Lutz Bachmann) vor allem „Glücksritter“, die es sich hier gut gehen lassen wollen – zum Beispiel in einer Zeltstadt, die vergangene Woche eilig als Erstaufnahmeeinrichtung für 1100 Geflüchtete an der Bremer Straße aufgebaut wurde. Wer sich selbst links oder alternativ nennt, hasst Pegida. Beide Lager hassen die breite Masse dazwischen, die sich nicht öffentlich positioniert, schon gar nicht auf Demos, sondern lieber zuhause auf dem Sofa rummoppert, dass doch alle mal endlich Ruhe geben sollen. Und aus dieser breiten Masse hasst jeder entweder eines der extremen Lager – oder gleich beide. Ob nun als „bekiffte Zecken“ oder „braune Glatzen“.

Eine solche Stimmung kann nicht spurlos durch eine Stadt wabern. Gestern kam ich von einem Kurzbesuch in Neukölln, genauer gesagt dem oft für seinen Multikulti-Charme verherrlichten Rixdorf zurück. Dresden und seine Dresdner bereiteten mir einen Empfang zum Davonlaufen: Servicepersonal, dass sich lieber mit Freunden unterhält, während die Schlange länger und länger wird; Fußgänger, die einen anrempeln und dann entnervt anbellen; Fahrradfahrer, die zwar die langsamsten in der Kolonne sind, sich aber an der Ampel immer wieder ganz nach vorne drängeln, um dann erneut von jedem einzelnen überholt werden zu müssen. Gestänker. Rücksichtslosigkeit. Schlechte Laune. Überall.

Ja, das sind Kleinigkeiten, und ja, das passiert, wir sind ja alle nur Menschen. Hier hört es aber gar nicht mehr auf. Denkt etwa jeder inzwischen: Hach, dieser Fremde hier vor mir kann ja auch eines von diesen Arschlöchern™ sein – da bin ich mal prophylaktisch unfreundlich? Wenn es so ist: Wie zum Teufel soll man in dieser Stadt leben, wie soll es hier wieder lebenswert werden – für ALLE? Ich bin ratlos. Erst Recht nach einem Erlebnis am gestrigen Montagabend.

Natürlich war mal wieder der übliche Pegida-Spaziergang. Alle zwei Wochen trifft sich die Gemeinschaft menschenfeindlichen Gedankenguts noch in Dresden, an den übrigen Montagen inzwischen in Leipzig oder Chemnitz. Da es am Rande der Zeltstadt bereits zu gewaltsamen Übergriffen gekommen war, gabs auch eine antifaschistische Demo – und ich war ausnahmsweise mal wieder dabei. Ich war dabei, obwohl ich es verabscheue, zwischen „Alerta, Alerta, Antifascista“ oder „Nie wieder Deutschland“-Rufen herzulaufen, gebrüllt von Menschen in schwarzen Kapuzenpullis, hinter schwarzen Sonnenbrillen und gerne auch noch darüber hinaus schwarz vermummt. Trotzdem wollte ich irgendwie ein Zeichen setzen, ein Gesicht – nämlich meines – zeigen gegen Fremdenfeindlichkeit und menschenverachtendes Zwei-Klassen-Denken.

Demo also. Das übliche Geschrei. Die üblichen Vermummten. Nachdem wir an einer Kreuzung ewig lange gewartet hatten, während irgendwelche Vorträge aus dem Lautsprecher leierten, gings nach links weiter. Ich schob mein Fahrrad weit vorne rechts neben dem Zug – als plötzlich ein ziemlich kleiner Mann mit einem Gefährten neben sich, in eindeutige Wotan-irgendwas-Naziklamotte gehüllt, drei Meter neben mir auftauchte und sofort angebrüllt wurde. „Verpiss dich, Scheißnazi!“. Er hob die Hände in die Luft, sagte mit süffisantem Grinsen  „Fassen Sie mich nicht an, ich gehe hier nur spazieren“ – und bekam, genau wie sein schweigender Mitstreiter, sofort von fünf schwarz verhüllten Menschen richtig auf die Fresse. Gefühlte Minuten vergingen – ich konnte da nicht weg, weil Fahrrad – bis die Polizei anstürmte, und sich direkt noch mehr Antifas mit ins Getümmel stürzten. Es wirkte, als hätten sich alle Beteiligten gedacht: Boah, ENDLICH SCHLÄGEREI! Komplett sinnlos, garantiert einer der Gründe, warum so wenig Menschen noch zu Demos zu bewegen sind – und einfach nur hässlich. Hässlicher Hass, der sich in Form von Gewalt Bahn bricht.

In meinen Augen ist es egal, wofür du auf die Straße gehst, wenn deine eigentliche Motivation Gewalt ist. Damit kann man Dresden nicht helfen – aber womit hilft man? Was hilft gegen die vielen Gesichter der Fremdenfeindlichkeit? Ist Dresden überhaupt noch zu helfen? Ist uns noch zu helfen?

Foto: Torsten Jannasch / pixelio.de
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Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.