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Sich Hilfe suchen. Das ist beim besten Willen nicht einfach. Denn vor diesem Schritt steht ein viel größerer, noch schwierigerer Schritt. Nämlich die Einsicht. Man muss sich zu allererst einmal eingestehen, dass es das Loch, in das man da gerade gestürzt ist, überhaupt gibt. Und dabei ist es vollkommen rille, wie man dieses Loch betitelt. Ob nun Burnout, depressive Episode oder whatever – in erster Linie ist es einfach scheiße.

Aber anstatt mir wirklich Hilfe in Form eines Therapeuten zu suchen, verbringe ich meine Zeit lieber damit, Zeitungsartikel zu lesen, in denen steht, wie schwer es in Deutschland ist, einen Therapeuten zu finden. Prokrastination at its best – wenn ich was kann, dann das!

Nach etlichen Arschtritten von besorgten Freunden ringe ich mich dann doch durch und starte einen ersten Versuch bei der Ambulanzstelle des Berliner Instituts für Psychotherapie und Psychoanalyse (BIPP). Hier muss ich jedoch feststellen: Ich MUSS einen Haufen Therapeuten durchtelefonieren. Es führt kein Weg daran vorbei. Denn selbst wenn ich zu der netten Therapeutin, bei der ich meinen BIPP Termin hatte, möchte – muss ich vorher mindestens acht bis zehn Therapeuten angerufen haben, da die gute Frau keine Kassenzulassung hat. Und wenn man einen Therapeuten ohne Kassenzulassung haben möchte, muss man erst einen Antrag an seine Krankenkasse stellen. Und das wiederum setzt voraus, dass man eine gewisse Anzahl Versuche unternommen hat, um einen Therapeuten mit Zulassung zu finden – die dann aber ergebnislos geblieben sind.

Also ran ans Internet, Liste erstellen, Telefon in die Hand und dann … passiert nichts. Ich starre vor mich hin, entsperre mein Handy, starre es an, die Sperre geht wieder rein. Dieser Rhythmus wird einzig und allein von vereinzelten Heulkrämpfen unterbrochen. Schaffe ich es dann doch mal, eine Nummer einzutippen und wirklich auf den Hörer zu drücken, lege ich sofort erschrocken auf, sobald sich am anderen Ende etwas tut. Beim zweiten Versuch schaffe ich es dann meist, etwas auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Schweißausbruch, erst einmal Pause machen. Das Starren und Entsperren beginnt von vorn.

 

Rettung naht!

Der Rückruf einer Therapeutin folgt prompt – ich bin überrascht und irritiert zugleich. Die gute Frau habe zwar gerade keinen festen Platz frei, aber daran würde sich vermutlich bald etwas ändern und ich könne gern für ein erstes Gespräch vorbei kommen.

Das war irgendwie viel zu einfach! Nach der ersten Erleichterung kommen die Zweifel sofort zurück – was, wenn sie doof ist? Was, wenn wir uns überhaupt nicht verstehen? Dann geht der ganze Mist von vorne los! Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll! Ich versuche, mich irgendwie zu beruhigen, abzulenken. Erst mal abwarten. Durchatmen. Runter kommen.

 

Hü-Hüpf! Zeitsprung.

Inzwischen habe ich einige Sitzungen hinter mir – frage mich jedoch immer ständig, welchen genauen Sinn diese Therapie jetzt für mich hat.

Was soll ich der Frau überhaupt erzählen? Und was nicht? Was ist überhaupt relevant, damit ich Fortschritte machen kann? Wie sehen diese Fortschritte überhaupt aus? Kann ich überhaupt Fortschritte machen oder ist das gar nicht Sinn und Zweck der Sache? Ist es legitim, wenn ich mich nicht immer schlecht fühle, wenn ich bei meiner Therapeutin bin? Muss ich mich immer schlecht fühlen?

Neulich trug sie das erste Mal Sneakers in meiner Gegenwart – sie ist also ein Mensch! Ein nahbares Wesen! Ich habe mich das erste Mal sehr zu Hause gefühlt. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ihr an diesem Tag das erste Mal ein „Du“ mir gegenüber rausgerutscht ist. Ich wünschte, sie würde mich immer duzen – aber kann ich sie danach fragen? Und wenn ja, was würde das über mich aussagen? Oder würde das gar nichts aussagen?

 

Und jetzt?

Heute kam die Zusage von der Uni Leipzig für meinen Wunschmasterstudiengang Journalistik. Ganz emotionales Wrack, das ich nun mal bin, habe ich erst mal angefangen zu weinen. Aber diesmal nicht, weil es mir so schlecht geht – sondern aus Freude. FREUDE! Sehr, sehr große Freude. Ein Fortschritt? Wer weiß.

Jetzt mache ich das, was ich am besten kann: Pläne schmieden. Danach folgt dann: Hoffen, dass ich an den geschmiedeten Plänen nicht wieder verzweifle. Tschakka!

 

Illustration: Gisela Gramsch

 

miezekind
Arbeiten, das ist… scheiße! Zumindest, wenn man sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt. Deshalb: Neustart! Mal sehen, ob – und wenn ja wie – sich Arbeit irgendwie mit einem lebenswerten Dasein vereinbaren lässt. Leben. Ein Selbstversuch. Außerdem muss ja irgendjemand den Einhörnern mal sagen, dass sie auch nur Pferde mit Partyhüten sind.
miezekind

Written by miezekind

Arbeiten, das ist… scheiße! Zumindest, wenn man sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt. Deshalb: Neustart! Mal sehen, ob – und wenn ja wie – sich Arbeit irgendwie mit einem lebenswerten Dasein vereinbaren lässt. Leben. Ein Selbstversuch. Außerdem muss ja irgendjemand den Einhörnern mal sagen, dass sie auch nur...
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