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Drei Tage lang hatte ich eine Lebensgefährtin: Valentina. Weil die eigentliche Katzenmama auf ein Ska-Festival fahren wollte, hat sie per Facebook eine Babysitterin fürs halbstarke Katzenkind gesucht. Da musste ich mich natürlich mit einem hysterischen „Ich! Ich! Ich!“ freiwillig melden. Und bekam: drei sehr wechselhafte Tage, eine Tanzlektion und einen umdekorierten Kleiderschrank.

Am ersten Tag habe ich von der pechschwarzen Katzylantin fast nur ihre leuchtenden Augen unter dem Sofa gesehen. Dorthin hatte sie sich – nach einer kurzen Inspektion des Wohnzimmers, in gebückter Haltung und wild schnuffelnd – verzogen. Kein Futter, kein Spielzeug, kein gar nichts konnte sie aus der Dunkelheit locken. Also baute ich ihr ein paar Höhlen aus Decken und Kissen und überließ ihr das Zimmer komplett.

Auch am nächsten Tag. Ich befüllte ihre Schüsseln mit frischem Futter und Wasser und verzog mich nach Freital, wo man als Dresdner momentan auf jeden Fall zumindest einmal vor dem Flüchtlingsheim im ehemaligen Leonardo-Hotel stehen sollte – um Gesicht zu zeigen gegen den „Kriminelle Ausländer raus!“ skandierenden Mob „besorgter Bürger“, der sich allabendlich formiert. Als ich am späten Abend zurückkam, leuchteten mir Valentinas Augen aus der letzten Ecke hinter dem Schreibtisch entgegen. Bevor ich völlig erledigt ins Bett ging, ließ ich die Tür einen Spalt weit offen – und bekam tatsächlich nächtlichen Besuch. Der schnuffelte sich erst durchs nächste Zimmer, sprang dann für ein kurzes Intensivkuscheln bei gleichzeitigem Schnurren aufs Bett, machte einen beachtenswerten Selfie mit dem iPhone – und war dann verschwunden. Und zwar bis 16 Uhr am nächsten Tag.

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Das war der Zeitpunkt, ab dem ich mein selbstauferlegtes „Wenn du sie nicht findest, hat sie endlich das Versteck ihrer Wahl gefunden und ist glücklich“-Motto nicht mehr aufrecht erhalten konnte: Ich hatte schlicht Angst. War sie doch unbemerkt mal zur Tür raus und jetzt im Haus unterwegs? Hatte ich mal nicht aufs offene Fenster geachtet, und sie turnte jetzt übers Dach? Wo zum SCHEISS GEIER war diese Katze? Als ich gerade ernsthaft darüber nachdachte, mein ganzes Regal auszuräumen, brachte mich Maria im Facebook-Chat auf die Idee: Mal im Kleiderschrank nachgesehen?

Nein, hatte ich nicht. Warum auch, die Türen waren ja die ganze Zeit geschlossen gewesen. Was ich nicht bedacht hatte: So eine zehn Monate alte Katze wurschtelt sich natürlich mit Leidenschaft hinter den Kleiderschrank, um dort ein leicht abstehendes Stück der Rückwand als Katzenklappe ins Paradies zu benutzen – und jetzt auf der zusammengerollten Winterdecke friedlich zu schlafen. So fand ich sie zumindest, als ich endlich mal die Schiebetür aufmachte. Ihr Blick: ein klares „Alde, wenn wir das jetzt geklärt haben, dann MACH DAS LICHT AUS!“

Nachdem ich sie und ihr Geheimversteck so schändlich enttarnt hatte, kam sie dann auch mal aufs Sofa. Hüpfte auf mich drauf, um mich ab da zu umkreisen, Leckerli nur dann zu essen, wenn wir sie zuvor gemeinsam durch den Raum geschossen hatten und mit riesiger Begeisterung ihrer Plüschmaus (der ich für eine bessere Lenkung Geschenkband an den Schwanz geknotet hatte) den Rest zu geben. Außerdem hat sie mir endlich demonstriert, dass sie sehr wohl trinkt, auch wenn ihr Napf unangetastet bleibt – nämlich mit großem Genuss und erstaunlicher Lautstärke aus der Gießkanne. Da beschloss ich, den Samstagabend einfach mit Katze auf dem Sofa zu verbringen, weils so schön ist.

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Nachts dann die Erkenntnis: Die Machtverhältnisse haben sich geändert – das ist jetzt Valentinas Wohnung, und nicht mehr meine. Wie sich das eben für eine richtige Katze gehört, holte sie sich, was sie braucht. Kroch auf mich drauf, während ich schlief, schob ihren Kopf unter meine Hand, um dann abrupt aufzustehen und den frisch erwachten Menschen anzubrummen und diesen „Ach, du willst schmusen? Na, wenn es sein muss…“ Blick zu versenden. Beim Schmusen rieb sie mir dann immer schön den Arsch ins Gesicht, wild schnurrend. Zwei Stunden lang haben wir alle zehn Minuten ne Wiederholung davon aufgeführt, bis ich dachte: Ne, für meine Rolle als merkwürdige Katzenlady bin ich dann doch zu müde… und ihr einen Platzverweis gab. Katze ins Wohnzimmer gelockt, Tür zu, fertig!

Am Morgen stand ich dann mit etwas schlechtem Gewissen auf, um meine Dienstleisterpflichten – Futter, Wasser, Katzenklo – zu erfüllen. Würde sie sauer auf mich sein? War sie nicht: Stattdessen eroberte sie sich schnell ihren Platz im Kleiderschrank wieder, um alle halbe Stunde hoch erhobenen Hauptes und leicht wichtigtuerisch durch den Raum zu stolzieren, einen „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt“-Ausdruck im Gesicht. Bei einer dieser Gelegenheiten erfuhr ich dann auch, was Valentina offenbar mit Begeisterung macht: tanzen. Als ich gewohnt affig zum Gedudel aus dem Radio durchs Wohnzimmer spackte, machte sie mit – umkreiste mich zur Musik, tänzelte auf sanften Pfoten um mich herum. Aber nur, wenn auch ich tanzte.

Als dann der Anruf kam, dass ihre wahre Familie sie gleich abholen würde, war ich tatsächlich ein wenig traurig. Aber nur ein wenig, denn: Es geht ihr gut. Sie hat es überlebt. Und vielleicht kommt sie ja auch mal wieder, wenn ein Festival ansteht.

Nachtrag 29. Juni 2015

Die echte Katzenmama hat mir gestern Abend noch geschrieben und zwei Fotos von der Heimkehrerin geschickt: „Valentina ist in super Form! Sie klettert, springt rum und schnüffelt in allen Ecken. Sie freut sich riesig auf deine Besuche! Jetzt bist du Katzentante :)“

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w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
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Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

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