Share Button

Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, dann ist es der Umzug. Früher war diese Konstante das Haus meiner Eltern. Ich würde auch gern in dieses Nest zurückkrauchen, darf ich aber nicht. Mutti hat nein gesagt. Ich hätte diese Konstante gern zurück. Eine Konstante, die mich nicht wahnsinnig macht. Eine Konstante, die eine richtige Konstante ist – ein Wert, der sich nicht verändert (Wikipedia!). Meine Konstante verändert ständig alles. Neues Zuhause, neues Umfeld, neue Menschen, neue Mitbewohner, neuer Job.

Dank meiner eigenen Unbeständigkeit und der bescheuerten Idee, ein Duales Studium zu machen, durfte ich in den vergangenen sechs Jahren 17 Mal umziehen. Ich habe während dieser Zeit in acht verschiedenen Städten gelebt. Es folgt eine Auflistung in chronologischer Reihenfolge.

 

  VON?   BIS?   WO?
Dezember 1990 September 2009 Heimat
Oktober 2009 Dezember 2009 Duisburg
Januar 2010 März 2010 Karlsruhe
April 2010 Mai 2010 Duisburg
Juni 2010 August 2010 Karlsruhe
September 2010 Dezember 2010 Duisburg
Januar 2011 März 2011 Karlsruhe
April 2011 Mai 2011 Dublin
Juni 2011 August 2011 Karlsruhe
September 2011 September 2011 Duisburg
Oktober 2011 Dezember 2011 Karlsruhe
Januar 2012 März 2012 München
April 2012 Juni 2012 Karlsruhe
Juli 2012 September 2012 Düsseldorf
Oktober 2012 Februar 2014 Dresden
März 2014 September 2014 Leipzig
Oktober 2014 Mai 2015 Berlin
Juni 2015 Wer weiß? Berlin

 

Alles glänzt. So schön neu.

Ja, denkste. Denn irgendwann nervt neu einfach nur noch. Nervt so sehr, dass man die Kartons gar nicht mehr wirklich auspackt. Dass man sich ständig fragt, wann wohl der nächste Umzug kommt, was als nächstes kommt, wohin es als nächstes geht. Dass man auf die Frage, wo man wohnt, nicht mehr einfach nur mit einer Stadt antwortet, sondern auch jedes Mal ein ‚jetzt gerade‘ oder ‚momentan‘ hinzufügt.

Mein aktuelles „Momentan“ heißt Berlin. Als ich in diese Stadt kam, nahm ich mir ein Zimmer in einer WG. Altbau, Dielen, Doppelfenster, teuer. Wie man heutzutage eben so wohnt.

Ich begann einen neuen Job in einer kleinen PR-Agentur und gelangte in eine Welt, die mir zuvor vollkommen fremd gewesen war – ja, bis heute immer noch weitgehend fremd ist. Die Start-up-Blase hatte mich auf einmal eingesogen und ließ mich nicht mehr frei. Ich tat auf einmal ein Haufen Dinge, die eigentlich überhaupt nichts mit mir zu tun hatten. Dinge, die ich, wenn sie auf einmal weg wären, nicht vermissen würde.

An meinen ersten Tagen wurde ich überhäuft mit Begriffen, die ich nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. Hier einige Beispiele: Accelerator, Venture Capital, Bootstrapping oder Inkubator. WHAT? Aber ehrgeizig, wie ich nun mal bin, fuchste ich mich langsam rein und lernte mit der Zeit auch, was das alles zu bedeuten hat, was da um mich herum gefaselt wird.

Jedoch blieb eins gleich. Es war mir immer noch egal, welcher Venture Capitalist gerade wie viele Millionen in welches Startup pulvert. Ja, das ist schon irgendwie interessant. Aber in erster Linie einfach nur krass. Krass und realitätsfern. Einfach absolut absurd. Es blieb mir auch weiterhin relativ wumpe, welches Startup jetzt bei welchem Accelerator ist. Oder welches große deutsche Unternehmen als nächstes trölfzig Millionen Euro dafür aufwendet, um sich in die Berliner Startup Szene einzukaufen.

Das war mir irgendwie alles zuwider. Ich meine, das bezahlen wir doch alles mit, wenn beispielsweise die Telekom oder die Lufthansa Unmengen Geld in diese Startup Blase bläst! Und dann ständig dieses genetworke. Meine Fresse. Gibt es etwas ätzenderes als Networking? Dieses sich selbst anbiedern und anderen Menschen halbwegs glaubhaft vermitteln, dass es einen interessiert, was derjenige macht. Ich finde flirten ja schon scheiße. Aber Networking. Nee, da fällt mir echt nichts mehr zu ein. Aber ich verbrachte all meine Zeit nur noch mit diesen Dingen.

Ich hörte auch auf, die Dinge zu tun, die mich in meinem Leben wirklich interessierten. Ich vergaß, mein Leben zu leben. Ich igelte mich immer mehr ein. Ich verkroch mich in mein Zimmer beziehungsweise eigentlich ausschließlich in mein Bett. Von den 28 Quadratmetern meines WG-Zimmers nutzte ich aktiv maximal noch zehn Prozent, nämlich die zehn Prozent, die mein Bett einnahm.

Das war an sich ganz okay. Ich hatte es mir sehr wohnlich gemacht in meinem Bett. Ich hatte dort alles, was ich brauchte: Genügend Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, Snacks, Handcreme, Taschentücher, Haargummis und Haarspangen, Schmerztabletten, Handy-Ladekabel, Laptop, Festplatte, Spiegel, Pinzette, Nagelschere, Nagellack und Entferner. Außerdem gab es genügend Wechselsachen – je nachdem, wie warm oder kalt mir gerade war.

Eine Flasche Wasser stand neben dem Bett auch immer bereit und wenn nicht, dann trank ich einfach nichts. Was ich an sich auch besser fand, denn dann musste ich weniger häufig aufstehen, um das Wasser wieder wegzubringen und sparte mir die Wege in die Keramikabteilung.

Und auch zum Mülleimer musste ich mich nicht mehr bewegen, denn so eine leere Dose Stapelchips eignet sich phänomenal als Ersatz. Bis eben nichts mehr rein geht, aber da kann man mit roher Gewalt schon einiges drin verstauen.

 

AUFSTEHEN!

Aber ich hatte da ja noch diesen Job. Für den quälte ich mich jeden Morgen aus dem Bett. Eine Prozedur, die mich tagtäglich mindestens zwei Stunden kostete.

Mein Wecker klingelte zwischen 6.00 Uhr und 8.00 Uhr alle neun Minuten bis ich es endlich schaffte, mich aus dem Schlaf zu kämpfen. Ich konnte einfach nicht aufwachen. Hing fest zwischen wach und Schlaf.

Am Schreibtisch angekommen, hätte ich am liebsten sofort den Kopf auf den Tisch gelegt, um einfach weiterzuschlafen. Ich war so unfassbar müde, ich hätte am liebsten jeden Tag, den ganzen Tag geschlafen. Und ich schlief auch. Ich schlief unfassbar viel. Mindestens zehn bis zwölf Stunden am Tag. Ich schlief und schlief und schlief und meine Müdigkeit wurde nicht kleiner.

Wenn ich von der Arbeit heim kam, zog ich als erstes meinen Schlafanzugstrampler an und verkroch mich ins Bett. Las noch zwei bis drei Kapitel und machte dann um 21 Uhr bereits das Licht aus, um endlich (!) schlafen zu können.

An den Wochenenden schaffte ich es gerade mal, mich aus dem Bett zu schälen, um mir einen Kaffee zu machen. Ein großer Kaffee, versteht sich, schließlich war ich unfassbar müde. Mit dem kroch ich dann zurück ins Bett und versuchte auch, den ganzen Tag dort zu bleiben. Anfangs schaffte ich es von meinem Bett immer mal noch bis zu einem Sessel, um dort zu lesen. Doch das gab ich bald auf. Schließlich konnte ich genauso gut in meinem Bett sitzen und dort lesen oder mich ab und an auch mal in die Waagerechte begeben, wenn der Körper nicht mehr sitzen wollte.

 

AUFWACHEN!

Fast neun Monate ging das so. Bis ich an den Punkt kam, an dem ich aufgewacht bin. Gemerkt habe, dass das nicht normal ist und ich dringend etwas ändern muss, um mein Leben zurückzubekommen – überhaupt wieder am Leben teilzuhaben. Ich weiß nicht wie, aber es ist passiert. Ich habe mein Bett verlassen, meine Sachen gepackt und sie in eine neue Wohnung getragen.

Das Bett habe ich vorsichtshalber verkauft, damit ich in der neuen Wohnung nicht in alte Verhaltensmuster zurückfalle. Das neue Bett ist nur eine Matratze, da kann man nicht so sonderlich gut den ganzen Tag drauf abhängen, denn das ist unbequem. Nach acht Stunden Schlaf stehe ich auf. Mittagsschlaf ist verboten, gelesen wird nur noch im Sitzen und dieses Mal werden alle Umzugskartons ausgepackt!

 

Illustration: Gisela Gramsch

 

miezekind

Arbeiten, das ist… scheiße! Zumindest, wenn man sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt. Deshalb: Neustart! Mal sehen, ob – und wenn ja wie – sich Arbeit irgendwie mit einem lebenswerten Dasein vereinbaren lässt. Leben. Ein Selbstversuch. Außerdem muss ja irgendjemand den Einhörnern mal sagen, dass sie auch nur Pferde mit Partyhüten sind.