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Was ich werden will, wenn ich mal groß bin? Auf diese Frage hatte ich noch nie eine berufsspezifische Antwort. Ich wollte als Kind weder Tierärztin noch Krankenschwester werden. Auch Feuerwehr und Polizei kamen für mich nie in Frage. Schließlich bin ich eine Lady und mache gerne Ladysachen. In Pfützen herum springen zum Beispiel. Oder mich von oben bis unten mit Schlamm einschmieren. Was man halt so macht, als junge Lady.

Dann kam der Tag, an dem es mir selbst nicht mehr genügte, diese Frage mit einem gelangweilten Schulterzucken zu beantworten. Schon damals – ich war sechs Jahre alt – nervten mich diese Erwachsenen. Was ist nur los mit denen? Warum wollen die das ständig wissen? Fällt Erwachsenen nichts Besseres ein, was sie mit einer Sechsjährigen besprechen können? Ich meine, das Wetter, zum Beispiel. Das gabs ja damals auch schon. Oder ist es unangebracht, mit Kindern über das Wetter zu smalltalken? Aber ist es nicht auch unangebracht, Kindern im Kindergartenalter bereits den Druck unserer Leistungsgesellschaft aufzuzwängen und sie nach ihrem Karriereziel zu befragen? Können Kinder nicht einfach Kindersachen machen und unbeschwert im Hier und Jetzt leben, ohne sich über das Morgen klar sein zu müssen? Nervig! Deshalb habe ich mein gelangweiltes Schulterzucken auch irgendwann gegen ein gut platziertes Wort eingetauscht, das die Erwachsenen zum Schweigen brachte. Ich antwortete auf die Frage, was ich mal werden wolle, wenn ich groß bin, nur noch mit: „Reich!“

Man muss ja Ziele haben. Bis heute ist daraus zwar noch nichts geworden, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und ich bin ja quasi noch jung. Die Zielstellung ist auch noch keine 20 Jahre alt, da geht noch was! Im Anschluss an meine Ich-will-reich-werden-Erkenntnis gab es tatsächlich Dinge, die mir Spaß machten und die ich deshalb durchaus für weiterverfolgenswert hielt. Ab und zu wusste ich dann, was ich werden wollte. Es folgt nun eine Liste dieser Vorhaben – geordnet nach ihrer Ersterwähnung. Dazu gratis und nur heute im Angebot: Die Begründung für das Aufflammen des Interesses UND die Begründung für das Scheitern des jeweiligen Vorhabens. Meist Bocklosigkeit, aber lesen Sie selbst:

Töpferin
Sowas passiert, wenn man von Eltern auf Töpfermärkte geschleppt wird, sich da mal an eine Töpferscheibe setzen darf und das Ergebnis aufgrund von grenzenloser Selbstüberschätzung für FANTASTISCH hält. Scheiterte because of: Angst vorm Verhungern, weil man da nichts verdient. Verifiziert habe ich das zwar nie, haben aber alle gesagt. Gutgläubigkeit habe ich drauf!

Olympiasiegerin
Das mit dem Leistungssport ist halt so eine Sache. Machen kann den jeder. Gut machen nicht. Ich liebe meinen Kanurennsport – das mit der Leistung habe ich jedoch nie so richtig hinbekommen. Und Olympiasiegerin wird man halt auch nicht einfach, indem man ständig allen sagt, dass man das wird. Scheiterte because of: Körperstatur, Faulheit und weil es einfach mehr Spaß macht, sich beim Training gegenseitig mit Wasserbomben zu bewerfen als nur zu trainieren.

Apothekerin
Substanzen zusammenmischen, um etwas Neues zu erschaffen – das ist krass. Schon als Kind pflegte ich zu sagen: „Im Sommor, da sabborn mor.“ [Anhaltinisch für: „Im Sommer möchte ich gerne mit euch draußen im Matsch spielen.“] Damals wurden auch erste Ideen für meine Einsätze als Apothekerin geboren – hier eine Kostprobe: Man nehme eine leere Flasche und stelle sie ab. Nun nehme man eine Gabel in die eine Hand und eine mit Wasser gefüllte Flasche in die andere. Die Gabel hält man über die Öffnung der leeren Flasche und gießt dann das Wasser aus der vollen Flasche drüber, und zwar in die leere Flasche. Dann guckt man, was passiert und erfreut sich daran. Das wars, fertig gesabbert. Scheiterte, weil: Meine Ideen mir immer nur im Winter kamen. Der Sommer ständig immer vorbei war. Und ich später in der Kursstufe zu faul war, so viel zu lernen, dass der Abischnitt für Pharmazie gereicht hätte.

Duale Studentin im Studiengang BWL – Industrie
Nicht gescheitert. War aber doof. Dennoch durchgezogen.

Business-Uschi in der Zentrale der Deutschen Post DHL
Ich wollte schick und schlank sein, in einem gläsernen Büro sitzen und Fahrstuhl fahren – sagt zumindest die Mutti. Meine Erinnerungen daran sind eher verschwommen. Ich frage mich bis heute, warum ich das wollte. Scheiterte, weil: Bleistiftröcke finde ich unbequem. Außerdem: dumme Idee.

Café-Besitzerin
So ein eigenes, kleines, süßes Café. Hach. Ein Leben in Pastell! Backen von früh bis spät und damit den Lebensunterhalt verdienen. Hach. Der Businessplan steht. Hach. Scheiterte bislang because of: Kapitalmangel.

Bäckerin / Konditorin
Ich liebe backen. Scheiterte, weil: Ich hasse zeitig aufstehen.

Marietta Slomka
Marietta Slomka ist schön und klug und stellt unbequeme Fragen genau an den richtigen Stellen. Würde ich mal noch nicht als gescheitert ansehen.

Journalistin
Vor Ewigkeiten las ich ein Interview mit einer Berufsberaterin. Die sagte, man solle sich überlegen, wofür man morgens freiwillig aufsteht. Daran könne man eine Tendenz für eine Profession ablesen. Mein Problem an der Sache: Ich stehe morgens nicht freiwillig auf. Nie. Für gar nichts. Der einzige Grund für ein schnelles Verlassen des Bettes ist vielleicht eine drückende Blase. Nach Bleistiftröcken und sonstigem Gedöns war ich für ein Studium in Dresden gelandet, besuchte dort das Seminar „Journalismus“ und hatte so viel Spaß, dass ich tatsächlich morgens aufstand, um in die Bibliothek zu gehen und meine Hausaufgaben zu machen. Morgens Aufstand! Freiwillig! Ha! Da war es endlich! Das Licht am Ende des Was-soll-ich-nur-mit-meinem-Leben-anfangen-Tunnels! Gescheitert wegen: siehe Marietta Slomka.

PR-Uschi
Verzweiflungsbewerbung. Scheiterte because of: Depression.

Bloggerin
Schreiben kann ich. Rede ich mir zumindest immer ein. Scheiterte bislang, weil: Ich kriege den Arsch nicht hoch.

Fame im Allgemeinen
Work in Progress.

 

Illustration: Gisela Gramsch

 

miezekind
Arbeiten, das ist… scheiße! Zumindest, wenn man sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt. Deshalb: Neustart! Mal sehen, ob – und wenn ja wie – sich Arbeit irgendwie mit einem lebenswerten Dasein vereinbaren lässt. Leben. Ein Selbstversuch. Außerdem muss ja irgendjemand den Einhörnern mal sagen, dass sie auch nur Pferde mit Partyhüten sind.
miezekind

Written by miezekind

Arbeiten, das ist… scheiße! Zumindest, wenn man sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt. Deshalb: Neustart! Mal sehen, ob – und wenn ja wie – sich Arbeit irgendwie mit einem lebenswerten Dasein vereinbaren lässt. Leben. Ein Selbstversuch. Außerdem muss ja irgendjemand den Einhörnern mal sagen, dass sie auch nur...
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