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Der Coin rastet mit einem plastischen Klacken ein, um einen Moment darauf drei Zentimeter weiter erdkernwärts von einer metallenen Schiene aufgehalten zu werden. „Welche Abenteuer der wohl da drin erlebt hat?“ frage ich mich, pflücke den orangefarbenen Coin aus seiner Halterung und folge der freundlichen Aufforderung des grünen LED-Pfeiles zum Durchschreiten des Drehkreuzes. Schallendes Kindergelächter dröhnt über die gefliesten Gänge des Umkleidebereiches.“Was heute wohl dran ist?“ fliegt mir durch den Kopf, während ich mir meine Badehose überstreife. Rentnersuppe oder Kindereintopf. Normalerweise tritt einer der beiden Fälle ein. „RENTNERSUPPE!“ entfährt es mir lautstark, als ich die Ausgangstür der Herrendusche aufreiße. Ein knochiges, faltiges Gerüst schaut mich aus tiefen Augenhöhlen an und sagt: „Auf jeden Fall. Nur alte Säcke hier!“. Ich wende mich ab und denke über Lotionen nach. „Es reibt sich die Haut mit der Lotion ein.“ flüstere ich, während ich in die Rentnersuppe eintauche.

Als ich auftauche bietet sich mir ein Anblick des Schreckens. Hier sieht es aus wie in der Normandieszene aus „Der Soldat James Ryan“. Bewegt sich da noch jemand? Ich kämpfe mich durch Horden von Wasserleichen, zick – nach links, zack – nach rechts – immer mit dem Ziel, die nächste Bahn hinter mich zu bringen. Anscheinend verändere ich dabei die Treibrichtung des Totholzes, dem ich die ganze Zeit ausweiche. Ich überlege, ob ich einen Stock finden kann, um vom Ufer aus die aufgedunsenen Körper anzustochern. Es scheint aber noch ein gewisses Maß an Leben in dieser Edelstahlcenote zu existieren. Man riecht sie, wenn man auf sie zu schwimmt. Man riecht sie, lange bevor man sie passiert. Nebelschwaden von chlorgaskatalysiertem Galle-Atem ziehen geisterhafte Bahnen über die Wasseroberfläche, um als scharfer, mooriger Geruch in meine Nase einzudringen.

Ich blicke auf und starre in die leeren Augen des Bademeisters. „Du, mein Freund, bist aber auch der Frisbeespieler der Rettungsbranche“ denke ich bei mir und steuere den Beckenrand an. Blubberblasen umschwirren meinen gedankenverlorenen Schädel. Warum tue ich mir das immer wieder an? Rentnersuppe oder Kindereintopf! WARUM?

Plötzlich wird mir warm. Ich blicke verstohlen an mir herab. Nee, von dieser Körperfunktion kommt die Wärme schon mal nicht. Ich habe die Antwort!

Das Archimedische Prinzip. Wasserverdrängung! Ach, scheiß auf Physik! Die Verdrängung des Wassers auf gedanklicher und seelischer Ebene! Nun habe ich fast anderthalb Stunden nur über diese Rentner nachgedacht und den gesamten Scheißdreck, der mir vorher im Kopf rumspukte, in dieser Seelensuppe abgewaschen. Wenn das allen so geht, kann man diese Brühe doch nach Schließung des Bades am Abend nur noch in gelbe Stahltonnen füllen und in der Asse verklappen.

Ich berühre die Klinke zur Herrendusche, doch mein Blick geht noch einmal zurück. Am Rande des Kinderbeckens steht eine Clownsfigur aus Plastik mit dem wirklich traurigsten, erbärmlichsten und bemitleidenswertesten Gesichtsausdruck, den ich je gesehen habe. „Von der Suppe genascht, mein Freund?“ flüstere ich – und freue mich aufs Duschen.

Foto: John Cobb / unsplash.com
Marc Saltberg

Seine Freunde wünschen ihm zum Geburtstag „eine fette Taube, die dir schön auf den Latz scheißt, dazu leichte, aber bestimmte Rückenschmerzen und das Gefühl, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, aber von niemandem gemocht zu werden.“ Was ihm sonst noch Nachtschweiß auf die Haut treibt, verarbeitet er hier.