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„Wir sollen nicht, wir müssen nicht, wir brauchen nicht, wir wollen ganz einfach heiraten!“

Das stand auf der Einladung, die ich vor wenigen Wochen von meiner Tante bekommen habe. Meiner Tante, die eigentlich nicht meine Tante, sondern die beste Freundin meiner Mutter ist. Die ich aber per „Tante“ relativ früh in meine Familie eingemeindet habe, weil ich sie immer sehr gern hatte – und nebenbei für die vielleicht schönste Frau der Welt gehalten habe. Spätestens jetzt hat sie sich außerdem noch mit einem (ich möchte unterstellen, vor dem Spiegel zuvor geübten) vollklingenden „Ja!“ zu meinem Idol gemacht. Und das ging so (Vorsicht: laaaange Vorgeschichte!):

Einen Mann an ihrer Seite habe ich in den 34 Jahren, die wir uns kennen – also seit sie mir, bevor ich sprechen konnte, Kirschen an die Ohren gehängt hat – nie gesehen. Aus der Ferne habe ich nur beobachtet, dass sie einen Mann auch nicht braucht, um zwei Kinder großzuziehen und Vollzeit arbeiten, außerdem mit dem Hund spazieren und regelmäßig bei der eigenen Frau Mama vorbei zu gehen. Hat mich beeindruckt. Ebenso wie die Geschichte, die sie mir vor zwei Jahren bei der Hochzeit meines Bruders erzählt hat: „Ich habe einen Mann kennengelernt – im Internet! Das hier ist er übrigens.“

Als mir im vergangenen Sommer an einen Abend bei Weinschorle langweilig war, habe ich mich im Handlesen probiert. Meine Liebeslinie hat mir dabei verraten: Meine heiße Phase kommt zwischen 70 und 80. Statt mich verspottet zu fühlen, habe ich dank meiner Tante das Gefühl: Da geht noch so einiges!

Der Hochzeitstag an sich ging allerdings so: Am Vorabend entwerfe ich mit den Eltern einen auf Erfahrung basierenden Tagesplan  – von „5:30 Uhr Mutter steht auf“ über „13:45 Uhr Schuhe anziehen“ bis zu „14:15 Uhr Wir fahren verspätet los und streiten“. Geht dann sogar ohne Streit, dafür aufgrund einer Massenvergewaltigung am Ufer das Flusses, an dem meine Eltern wohnen, tatsächlich leicht zeitverzögert los: Zwei Erpel jagen eine Ente, und sobald einer drauf sitzt, setzt sich der zweite auf seinen Widersacher. Zitat Mutter: „Ach, die arme Ente, die will das doch nicht. Wir müssen was tun!“ Stattdessen lässt sie mich im Hof noch ein wenig schaulaufen, damit alle Nachbarn mein schönes Kleid sehen, bis mein Bruder und seine Frau da sind – dann geht’s wirklich los. Und zwar nach: Ehe.

Hier stehe ich zwischen meinem Bruder und seiner Frau in der letzten Reihe am Fenster eines Fachwerkhauses, das zum Standesamt umfunktioniert wurde, auf einem Erdbeerhof. Schwieger- und Enkeltocher des Bräutigams singen erst „Hallelujah“ (Zwischenfrage: Ist das bei Hochzeiten inzwischen Pflicht?) und später „Ja“ von Silbermond. Das weiß ich da allerdings noch nicht (sonst hätte es mich noch auf anderen Ebenen betroffen gemacht), breche aber fürchterlich in Tränen aus bei der Zeile: „Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung auf ein echtes Leben vor dem Tod“. Mein Bruder blickt von seinem Handydisplay auf, um mir mit hochgezogenen Augenbrauen ein „Nicht dein verdammter Ernst!“ zu schenken, während mir seine Frau kommentarlos ein Taschentuch reicht. Irgendwo in diesem emotionalen Durcheinander sagt dann auch das Brautpaar „Ja“ – vielmehr: Der Bräutigam sagt „Jetzt muss ich was sagen, oder? Ja!“, die Braut schmettert „JA!“. Da heule ich direkt wieder, und meine Schwägerin greift nach ihrer Handtasche.

Und dann? Torte. Prosecco. Die Kuschel-Rock-Hits der vergangenen 40 Jahre, die ich, je weiter sich die Flasche auf unserem Tisch leert, desto lauter mit meiner Schwägerin mitgröle. Leckeres Essen, ein sehr verliebtes Jetzt-Ehepaar, das sogar noch ein paar Tauben steigen lässt. Und eine Familie, bei deren Verhaltensauffälligkeit mir warm ums Herz wird. Das beginnt ungefähr mit den Tauben, als mein Vater fragt: „Und wann lassen sie die Stummen steigen?“ Und es endet Stunden später, als wir alle während einer Leierkasten-Performance offenbar das Bett laut nach uns rufen hören. Vater: Fängt mittendrin an zu klatschen. Mutter: Wispert jedem zu „Wir gehen gleich heim!“ Bruder: Steht mittendrin auf, verkündet „Danke, mir ist gerade aufgefallen, wie begrenzt meine Zeit auf diesem Planeten ist“. Schwägerin: Gestikuliert wild zum Text meiner Mutter. Ich summe über alles den Hochzeitsmarsch.

Das letzte, was ich an diesem Tag vom Brautpaar sehe: Sie stehen am See, über dem gerade ein Feuerwerk in den Himmel schießt. Er steht hinter ihr, hält sie im Arm, sie hat den Kopf an seine Schulter gelehnt und schmiegt sich an ihn. Ich frage mich, ob meine Schwägerin ihre Handtasche griffbereit hat und denke sehr laut: „Auf ein echtes Leben vor dem Tod!“

Foto: Marta Pawlik / unsplash.com
w3b1
Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt’s in den Referenzen.
w3b1

Written by w3b1

Klugscheißerin, in einem früheren Leben Chefredakteurin und deshalb hier diejenige, die an allen Texten rumfingert. Und das, obwohl sie die Autoren persönlich angefleht hat, mitzumachen. Naja… Klugscheißerin, eben. Mehr Klugscheißerei gibt's in den Referenzen.

1 Comment

Heike

Liebe Eva,
dein Bericht über unsere Hochzeit ist wunderschön geworden und hat uns ausgesprochen gut gefallen. Ich schreib‘ dir aber noch extra eine Mail dazu. Vor allem wünsche ich dir, dass du auch mal so ein Glück findest. Ich hatte es nicht erwartet, es ist einfach passiert…
Alles Liebe, deine wieder jung gewordene, alte „Tante“

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